Quelle: build windows

Die Build windows 2011 hat sich richtig gelohnt. Nein, nicht wegen des Tablets, sondern wegen der geballten Ladung Neuigkeiten rund um Windows 8 und Metro-Style sowie den Hintergrundinformationen, die man nur direkt vor Ort erhält. Am beeindruckendsten fand ich, dass das Unternehmen, dass noch vor ein paar Jahren mit technologiegetriebenen Oberflächendesigns wie diesem hier im Markt auftrat:


Microsoft Outlook auf Windows XP

sich nun mit Leib und Seele einem einfachen, hoch ästhetischen und interaktiv anregenden User Interface Design verschrieben hat. Und dabei sogar soweit geht, für alle digitalen Produkte seines Ökosystems eine einheitliche Designsprache einzuführen. Das es Microsoft mit dem neuen Design-Denken ernst meint, war auch daran zu erkennen, dass sie den Themen Design und User Experience relativ viel Raum auf der Techniker-Konferenz eingeräumt haben. Die Konferenz hatte übrigens ca. 5.000 Teilnehmer.


Microsofts Neue Designsprache

Inspirationen für Metro-Style (Screenshot aus dem Vortrag)

Allerdings existieren für die Designsprache „Metro“ aktuell nur die Designprinzipien, die Umsetzung fürs Phone 7 sowie erste Ansätze für Windows 8. Auch wenn der Metro-Style Teil von Windows 8 auf den ersten Blick begeisternd ist, so ist er doch aktuell nur auf ein paar wenige und einfache Anwendungsfälle ausgelegt. Sobald man etwas vom vorgesehenen Pfad abkommt oder nicht vorgesehen Aufgaben erledigen will, wie z.B. die Erstellung von Screenshots, dann muss man wieder über den „Classic“-Mode gehen. Aber ist ja immer noch eine Developer Preview und dafür schon richtig gut. Bleibt abzuwarten, wie es sich dann in den folgenden Beta- und RC-Versionen weiterentwickeln wird.
Weitere Ansätze die neue Designsprache zu übernehmen kann man aktuell schon bei XBox und einigen wenigen Entwicklerwerkzeugen, z.B. dem neuen Team Foundation Server sehen. Es wird nun spannend, welche der vielen Microsoft Produktgruppen in den nächsten Monaten Metro-Style Apps oder an Metro angelehnten Desktop-Applikationen vorstellen werden.


TFS Preview Zoom

Gedanken zu den Metro-Style Apps

Noch während der Konferenz wurde bekannt, dass man in der Developer Preview diese große Neuerung abschalten kann. Das ist natürlich aus Sicht der Erwartungskonformität ganz gut, weil so alles beim alten bleiben kann und es dadurch keine Umstiegshürde gibt.
Aus Sicht der Zukunftsperspektiven von Microsoft und den Unternehmen, die mit Windows-basierten Werkzeugen Geld verdienen wollen, ist das sehr schlecht. Microsoft entwickelte mit Windows bisher ein Betriebssystem für ein Computer-Gattung, die es in der Form in Zukunft nicht mehr geben wird. Das aktuelle Desktop-Oberflächendesign ist jedoch stark an dieses Gerät und seine Eingabemöglichkeiten gebunden. Mit Metro eröffnet sich Microsoft einen Zugang zu den vielen Computerformen und Eingabegeräten, die wir in den nächsten Jahren erleben werden. Außerdem greift Metro die Grundübel der IT-Branche an: hässliche und überladene Bedienoberflächen sowie komplizierte und unverständliche Bedienabläufe. Damit leistet Metro einen wichtigen Dienst für alle Beteiligten, die mit der Windows Plattform Geld verdienen wollen. Denn was bringt die funktional umfangreichste Windows App, wenn die meisten Anwender auf Google oder Apple setzten, weil es einfach einfacher ist.

Touch

Ich denke, dass die Verbreitung von Touch-PCs zum Zeitpunkt der Freigabe von Windows 8 einen maßgeblichen Einfluss auf den Erfolg von Metro haben wird. Metro fokussiert auf die Touch-Bedienung und ist für eine Zeit gemacht, in der es mehr Touch-als Maus-Tastatur-Geräte gibt. Allerdings gibt es da akutell ein Henne-Ei-Problem. Erforlgreiche Touchgeräte, wie z.B. das iPad oder das Galaxy Tab, haben ein touchoptimiertes Betriebssystem. Im Windowsbereich gibt es das heute nicht, was natürlich den Absatz von Windows-Tablets nicht gerade beflügelt.
Interessant wird auch, wie die Gerätehersteller auf Touch und das neue Betriebssystem reagieren werden. Es macht schon ziemlichen Spaß mit dem Finger und der Tastatur einen Rechner zu bedienen. Dabei darf nur der Monitor nicht wie eine Wand vor einem stehen, da einem sonst nach kurzer Zeit die Arme schmerzen. Ebenso braucht es eine adäquate Unterstützung von Aufgaben, die eine höhere Genauigkeit benötigen, als sie der Finger bieten kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in ein paar Jahren nicht mehr hinter Monitorwänden verschwinden, sondern sich Computer nahtlos in unsere Arbeitsflächen und Nutzungskontexte integrieren und wir mit bewährten Werkzeugen wie Stift, Tastatur, Finger und vielleicht noch der ein oder anderen Maus arbeiten werden. Windows 8 wird dies aus meiner Sicht sogar fördern. Ich glaube, dass in diesem Bereich wieder großes Innovations- und Geschäftspotential für Hersteller von Displays und Computern schlummert.

Was bedeutet Metro für aktuelle Designprojekte

Auf Designprojekte, in denen windowsbasierte Produkte gestalten werden, die in den Jahren 2011 & 2012 vertrieben werden sollen, hat Metro keinen Einfluss. Zu diesem Zeitpunkt ist es unwahrscheinlich, dass Windows 8 schon auf dem Markt ist. Ausgenommen sind natürlich Windows Phone Projekte, hier spielt der Metro-Style schon heute die entscheidende Rolle.
Für mittelfristige Designprojekte von windowsbasierten Desktop-Produkten, die ab 2013 in den Vertrieb gehen sollen, sieht es anders aus. Für diese Projekte macht es jetzt schon Sinn sich mit den Metro-Designprinzipien zu beschäftigen und diese zu adaptieren. Aus meiner Sicht ist es sinnvoll und nicht sofort vollständig auf den Metro-Style umzustellen, sondern die Metro-Designprinzipien im ersten Schritt soweit wie möglich auf die klassischen Desktopanwendungen zu übertragen. Beispielsweise in dem Typographie einen höheren Stellenwert bekommt, die Oberflächen auf das Wesentliche reduziert werden (d.h. wirklich abgespeckt werden) und auf jeglichen visuellen Balast verzichten. Damit würde zum einen der Tatsache Rechnung getragen, dass Windows 8 und damit auch der Metro-Style ein paar Jahre brauchen werden um eine ausreichende Marktdurchdringung zu erreichen. Zum anderen wird WinRT (Windows Runtime), welche die technologische Basis für Metro-Apps bildet, erst mit der Freigabe von Windows 8 einen Zustand erreicht haben, der stabil genug ist um darauf eine verlässliche Produktentwicklung aufzusetzen.
Interessant ist der komplette Metro-Style schon heute für alle windowsbasierten Produkte deren Hauptvertriebskanal touchbasierte Geräte sind und deren Vertrieb ab 2013 starten soll. Für diese Produkte kann sich dies meiner Meinung nach als erfolgsentscheidender Vorteil herausstellen.

Siehe auch

Windows Phone User Experience Design
Build accessible Metro style apps using XAML
Using tiles and notifications
Reaching more customers with accessible Metro style apps using HTML5
Create experiences that span devices
Reach your customers devices with one beautiful HTML5 user interface
Designing Metro style: principles and personality
Windows Server 8, TFS und Azure
8 traits of great Metro style apps
Windows 8: super exciting but a huge design challenge for software developer
bldwin – der Tag vor der Konferenz

Kategorien: Aktuelle Nachrichten

Ulf Schubert

Ulf ist Experte für Design Management, User Experience und Design Thinking. Aktuell ist er als Head of UX bei DATV für die User Experience der DATEV Produkte verantwortlich. Davor hat er mit seiner Agentur openeyes bzw. später bei SirValUse Unternehmen, wie z.B. eBay, Microsoft, OTTO, Axel Springer und MINI, zu User Experience, Innovation und Design beraten. Er engagiert sich über Bitkom und German UPA für besseres Digital Design in Deutschland. Er teilt seine Erfahrungen über Vorträge auf Konferenzen und Trainings. Er ist einer der Gründer und Organisatoren des UX Stammtisch Franken.