Die Geheimniskrämerei um Windows 8 hat ein Ende und glücklicherweise hat sich nicht jedes Gerücht bewahrheitet. Vorab: Silverlight und WPF sind nicht gestorben und HTML5 ist auch nicht die einzige Oberflächentechnologie für Windows 8 Apps.
Auf der Konferenz wurde die Developer Preview von Windows 8 gezeigt. Beta-, RC- und RTM-Version folgen noch auf dem Weg bis zur Freigabe.
Aus User Experience Sicht ist die größte Änderung in Windows 8 die Ablösung des zentralen Startmenüs durch eine Startseite sowie die parallele Einführung einer komplett neuen Designsprache und Interaktionslogik für einen Teil des Betriebssystems. Die neue Designsprache zieht sich dabei nicht durch das gesamte Betriebssystem, sondern wird nur auf der neuen Startseite sowie den dazugehörenden Apps verwendet.
Es wird zukünftig zwei Arten von Applikationen geben: Metro-Style Apps und klassische Desktop-Applikationen. In Sachen Oberflächentechnologie und Gestaltung ändert sich für klassische Desktop-Applikationen nichts. Es bleibt bei den gewohnten Oberflächentechnologien. Große technische Neuerungen gibt es auf Seiten der Metro-Style Apps. Diese können sowohl mit XAML als auch mit HTML/CSS gebaut werden und basieren auf einer neuen Basistechnologie names WinRT (Windows Runtime).


Windows 8: Metro-Style (Screenshot Keynote Jensen Harris)

Windows 8: Classic Mode (Screenshot Developer Preview)

Für die Trennung zwischen Desktop-Applikation und Metro-Style Apps scheint es zwei Gründe zu geben: Zum einen könnte es ein Versuch zu sein, das User Interface besser auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von professionellen und privaten Nutzern auszurichten. In diesem Fall wären dann die Metro-Style Apps eher für die private Nutzung mittels Touch-PC und das klassische Desktop-UI für die professionelle Nutzung gedacht. Es könnte aber auch der großangelegte Versuch sein, sich von der bisherigen Gestaltung von Windows Bedienoberflächen zu lösen und alle Windows UIs auf ein neues gestalterisches Niveau zu bringen. Auf jeden Fall ist die visuelle Neuerung bei Metro-Style Apps so groß, dass Microsoft nicht ohne eine stufenweise Einführung auskommt. Spannend bleibt, wie diese Trennung in Windows 8 kommuniziert wird. In der Developer Preview führen beide Bereiche ein relativ gleichberechtigtes Dasein, auch wenn die klassische Desktop-Gestaltung im Vergleich zum Metro-Style deutlich altbacken wirkt.
In Windows 8 werden die Metro-Style Apps in den Mittelpunkt gestellt. Sie werden auf der neuen Startseite in einem zentralen Ausgangs- und Informationsbereich zusammengefasst und direkt nach dem Start des Betriebssystems bzw. beim Klick bzw. Touch auf die Windows-Taste angezeigt. Seitens Microsoft wird es laut Keynote Metro-Style Apps für Mail, Photos, Kalender und Kontakte geben. Je nach Zielstellung seitens Microsoft würde es mich aber nicht wundern, wenn es auch andere Microsoft-Produkte in diesem Style geben wird. Die bisherigen klassischen Desktop-Anwendungen werden übrigens genauso funktionieren und aussehen wie unter Windows 7.
Aus meiner Sicht ist die Parallelität von Metro-Style und Desktop-Apps nicht nur von Vorteil. Beide „Welten“ weisen sehr viele gemeinsame Funktionen auf, die sich nur durch die Gestaltung unterscheiden. Ich vermute mal, dass wir diesbezüglich im professionellen Bereich das gleich erleben werden, wie beim Aero-Style von Windows 7. Sollte sich der Mehrwert von Metro-Style Apps nicht schnell genug erschließen und es eine Möglichkeit zum Deaktivieren geben, werden die Systemadministratoren dieser Welt versuchen Metro-Style Apps genauso abschalten, wie den Aero-Style von Windows 7.

Metro-Style Apps

Metro-Style Apps werden nach einem „Touch first“- Ansatz gestaltet. Das bedeutet, diese Apps in erster Linie auf die Bedienung mit dem Finger ausgelegt werden. Diese Apps unterstützt neben Touch natürlich auch Tastatur- und Stifteingaben. Gestalterisch zeichnen sich Metro-Style Apps durch eine deutlich bessere und ästhetischere visuelle Gestaltung aus. Die Oberflächen enthalten weniger Elemente und haben eine deutlich geringere Informationsdichte als herkömmliche Desktop-Apps. Das Fensterhandling wird auf ein Minimum reduziert. Applikationen werden in Fullscreen dargestellt und weitere Interaktionsmöglichkeiten werden über darüberliegende Layer sowie über die Kanten des Bildschirms angeboten. Bei Metro-Style Apps hat sich die Rolle der visuellen Ästhetik deutlich erhöht. Neben einer völlig geänderten Schrift- und Farbgestaltung stellt die Oberflächengestaltung auch höhere Anforderungen an die Informationsgestaltung. Die Metro-Style Apps zeichnen sich durch eine typografisch ausgerichtete Gestaltung aus. Die verwendeten Schriften sind dabei deutlich größer, klarer und besser lesbar als bisher. Die Verwendung von Icons wird stark eingeschränkt.
Mit Metro-Style Apps auf Windows 8 ändert Microsoft die Gestaltung von Applikationen auf grundlegende Art und Weise. Der Fokus auf den konkreten Anwendungsfall und eine flüssige Interaktion bekommen eine höhere Bedeutung für die Gestaltung.
Aus meiner Sicht geht dieser Schritt in die richtige Richtung, ich sehe darin aber auch eine große Herausforderung für viele klassische und technikorientierte Softwareentwicklungsunternehmen. Um Metro-Style Apps zu entwickeln, ist es aus meiner Sicht zwingend erforderlich, dass die visuelle Ästhetik einen höheren Stellenwert einnimmt und Designer ein fester Bestandteil der Entwicklungsteams werden.

Weitere Punkte zu Windows 8

* Windows 8 soll vollständig abwärtskompatibel zu Windows 7 sein.
* Es wird deutlich geringere Hardwareanforderungen an die Geräte stellen.
* Im Vergleich zu Windows7 startet Windows 8 viel schneller.
* Der Startscreen im Metrostyle wird die neue Zentrale von Windows 8. Es ist keine reine Startseite für Programme, sondern ein Informationsbereich, der vom Anwender angepasst werden kann.

Windows Live

Mit Win8 ändert sich auch die Rolle von Windows Live. Windows Live wird zukünftig ein zentraler Bestandteil des Betriebssystem, z.B. um Einstellungen und Inhalte zwischen mehreren Geräte bzw. Anwendungen eines Nutzers zu synchronisieren. Windows Live entwickelt sich in eine ähnliche Richtung wie es Google bereits mit seinen Google Apps und Google Chrome vorgemacht hat. Darüber hinaus wird Windows Live zu einer Art Klammer über alle sozialen Netzwerke eines Nutzers. Beispielsweise werden die Kontaktinformationen über Windows Live um die Informationen ergänzt, die andere einem Nutzer in sozialen Netzwerken freigegeben haben.

Entwicklertools

Die neue Version von Blend wird neben XAML zukünftig auch das Design von HTML-basierten Metro-Style Apps unterstützen. Außerdem wird es eine Möglichkeit geben die unterschiedlichen Gerätetypen und Zustände von mobilen Geräten zu simulieren bzw. während der Entwicklung direkt auf dem Endgerät zu debuggen.

Windows Store

Der Windows Store wird ein neuer Weg für Entwickler Apps allen Windows-Nutzer anzubieten und zu verkaufen. Die Auslieferung bzw. der Verkauf über den Windows Store kann direkt aus der Entwicklungsumgebung angestoßen werden. Durch den Windows Store ändert sich die Installation sehr stark in Richtung der Installation von mobilen Apps. Für die aktuelle Preview-Version von Windows 8 ist der Windows Store leider noch nicht verfügbar.

Änderungen für Desktop-Anwendungen

Auch im herkömmlichen Desktop-Bereich von Windows 8 gibt es Änderungen. Beispielsweise:
* hat der neue Windows Explorer ein Ribbon-Menü.
* wurde der Task-Manager überarbeitet.
* wurde die Multi-Monitor-Unterstützung ergonomisch verbessert.

Interessante Fakten am Rande:

* Bisher wurden ca. 450 Mio. Kopien von Win 7 verkauft.
* Aktuell hat Windows Live 542 Mio. Nutzer.

Mein Fazit zu Windows 8

Im Grunde ist es ein herkömmliches Desktopbetriebssystem bei dem Microsoft an zentraler Stelle versucht über eine neue Designsprache an wesentlichen Grundproblemen von klassischer Desktopsoftware, wie z.B. Komplexität und mangelhafter Ästhetik, zu rütteln. Da die Änderung so grundlegend ist, wird das neue Metro-Design neben das alte Desktopdesign gestellt. Es ist aus meiner Sicht ein notwendiger und richtiger Schritt. Im privaten Bereich wird sich das neue Design vor allem auf den mobilen Geräten schnell durchsetzen. Im geschäftlichen Bereich hängt es davon ab, ob die IT-Abteilungen und Systemadministratoren sich mit der Veränderung anfreunden können bzw. wie gut Microsoft es verhindern kann, dass Metro-Style Apps abgeschaltet werden. Außerdem bleibt es abzuwarten, ob sich die Software-Entwickler und Software-Unternehmen auf die gestalterischen Herausforderungen einstellen und diese meistern können.
Nun genug der Analyse, emotional bin ich begeistert: die Metro-Style Apps sind richtig schön geworden. Wenn Microsoft den Metro-Style konsequent zu Ende denkt, der alte Desktop-Teil noch weg fällt und es genügend Metro-Style-Apps gibt, dann hat Windows 8 aus gestalterischer Sicht das Zeug zum besten Betriebssystem unserer Zeit.
PS: Und es ist übrigens wahr, dass die Teilnehmer der Konferenz ein Samsung Tablet mit einer Developer Preview von Windows 8 bekommen haben.


Windows 8 Developer Preview

Siehe auch

Video Keynote Day 1
Blogs.msdn.com/B8
Developer Preview von Windows 8
build windows

Kategorien: Aktuelle Nachrichten

Ulf Schubert

Ulf ist Experte für Design Management, User Experience und Design Thinking. Aktuell ist er als Head of UX bei DATV für die User Experience der DATEV Produkte verantwortlich. Davor hat er mit seiner Agentur openeyes bzw. später bei SirValUse Unternehmen, wie z.B. eBay, Microsoft, OTTO, Axel Springer und MINI, zu User Experience, Innovation und Design beraten. Er engagiert sich über Bitkom und German UPA für besseres Digital Design in Deutschland. Er teilt seine Erfahrungen über Vorträge auf Konferenzen und Trainings. Er ist einer der Gründer und Organisatoren des UX Stammtisch Franken.