Ich habe kürzlich in einem Interview mit Thorsten Wilhelm (eResult GmbH) über die aktuelle Entwicklung des „Insourcing“ von Usability-Tests gesprochen.
In der Tat klingt es erstmal aus Sicht eines unternehmensinternen Usability-Experten sehr verführerisch über ein eigenes Usability-Labor verfügen zu können. Ehrlich gesagt habe ich mir darüber auch schon öfter Gedanken gemacht.
Wäre es nicht schön mal eben schnell im eigenen Haus testen zu können? Könnte man nicht viel öfter Testen ohne ständig Diskussionen über das Budget führen zu müssen? Und wäre mit einem eigenen Usability Labor nicht einfach alles viel schöner?
Leider gibt es auf die Frage „Usability-Labor – inhouse oder extern?“ aus meiner Sicht keine einfache Antwort. Sowohl das Inhouse-Usability-Labor als auch ein externer Usability-Dienstleister haben Vor- und Nachteile.
Einen Nachteil haben beide Varianten: sie kosten Geld. Der Usability-Dienstleister verlangt Geld für die Beratungsleistung, Reisekosten und die Labormiete je Projekt. Beim internen Usability-Labor fallen Anschaffungs- und regelmäßige Wartungskosten für die Ausstattung sowie Kosten für die Weiterbildung der Labor-Mitarbeiter an.
Ein externer Usability-Experte kann durch seine Erfahrung aus vielen unterschiedlichen Projekten neue Sichtweisen und Ideen jenseits des unternehmensinternen Tellerrands einbringen. Außerdem ist er in der Regel nicht intensiv an der Entwicklung beteiligt und kann daher unabhängig(er) befragen, beobachten und urteilen. Diese Unabhängigkeit kann aber auch zum Nachteil werden, wenn intensive fachliche Kenntnisse zum Verständnis des zu testenden Anwendungsfalles notwendig sind und diese nicht im Rahmen von Briefing-Gesprächen und Demos vermittelt werden können. Mit einem externen Usability-Dienstleister kann man bei hohen methodischen Qualitätsstandards dort testen, wo genügend Testpersonen verfügbar sind. Somit haben Testpersonen keine langen Anfahrtswege.
Der interne Usability-Experte punktet mit intensiver Kenntnis zu den fachlich relevanten Themen und den Produkten. Er kann aber in der Regel nicht auf Erfahrungen aus vielen thematisch unterschiedlichen Usability-Projekten zurückgreifen. Mit einem Inhouse-Usability-Labor müssen die Testpersonen zum Labor kommen. Das bedeutet unter Umständen lange Anreisewege für die Testpersonen. Es sei denn man nimmt die methodischen Qualitätseinbußen eines mobilen Usability-Labors in Kauf und testet beispielsweise in Hotels oder Tagungsräumen.
Ein unternehmensinternes Usability-Labor nach aktuellem Forschungsstand und mit geschultem Usability-Personal rentiert sich aus meiner Sicht, wenn
* im Monat min. 3 bis 4 UCD-Studien intern durchgeführt werden,
* genügend Budget verfügbar ist, um das Inhouse-Usability-Labor immer auf dem neusten Stand halten zu können,
* sich die Mitarbeiter des Usability-Labors regelmäßig weiterbilden können,
* die Rekrutierung von Testpersonen über ein unternehmensinternes Call-Center oder einen externen Rekrutierer abgewickelt werden kann und
* potentielle Testpersonen im Umkreis von ca. 30 min Fahrstrecke um das Usability-Lab in ausreichender Anzahl vorhanden sind bzw. ein mobiles Usability Lab sinnvoll einsetzbar ist.
Ich für meinen Teil setze weiterhin auf externe Usability-Dienstleister, weil mir der Blick über den unternehmensinternen Tellerrand und eine unabhängige Meinung wichtig sind.

Siehe auch

Interview mit Thorsten Wilhelm auf usabilityblog.de


Ulf Schubert

Ulf ist Experte für Design Management, User Experience und Design Thinking. Aktuell ist er als Head of UX bei DATV für die User Experience der DATEV Produkte verantwortlich. Davor hat er mit seiner Agentur openeyes bzw. später bei SirValUse Unternehmen, wie z.B. eBay, Microsoft, OTTO, Axel Springer und MINI, zu User Experience, Innovation und Design beraten. Er engagiert sich über Bitkom und German UPA für besseres Digital Design in Deutschland. Er teilt seine Erfahrungen über Vorträge auf Konferenzen und Trainings. Er ist einer der Gründer und Organisatoren des UX Stammtisch Franken.