bldwin: Mein Fazit

Die BUILD ist vorbei und ich fliege mit vielen interessanten Eindrücken und Inspirationen zurück nach Deutschland. Die Wichtigsten will ich hier kurz zusammenfassen. Natürlich schaue ich dabei weniger aus Entwicklersicht sondern mehr aus gestalterischer bzw. geschäftlicher Sicht auf die seitens Microsoft getroffenen Aussagen und vorgestellten Themen.

Ausbau des Ökosystems im Vordergrund

Im Grunde gab es neben einigen kleineren Neuerungen, wie z.B. den schönen Microsoft Surface, keine großen Innovationen. Auf der einen Seite ist es ja beruhigend, dass es bei Microsoft keine großen Veränderungen gibt und sie sich in etwas ruhigeres Fahrwasser begeben. Es war die letzten Monate doch etwas turbulent. Auf der anderen Seite ist es auch etwas beunruhigend, dass keine Innovationen in Aussicht gestellt wurden. Microsoft scheint sich jetzt erst mal auf den Ausbau seines Ökosystems zu konzentrieren.
Vor allem das Sorgenkind Windows Phone soll nun mit mehr Marketing im Markt platziert werden und somit gemeinsam mit Windows 8 einen größeren Marktanteil erreichen. Wie sich das anfühlt, konnte ich bereits im Microsoft Store in Seattle erleben. Ein schicker Laden in direkter Nähe zum Marktbegleiter Apple. Sowohl der Apple Store als auch der Microsoft Store waren sehr gut besucht. Die Konzepte beider Stores ähneln sich sehr. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Stores ist aus meiner Sicht der, dass es im Microsoft Store mehr unterschiedliche Geräte gibt.

Microsoft setzt auf gute Gestaltung

Das Thema „Design“ war in den Vorträgen zwar nicht so omnipräsent wie im letzten Jahr. Allerdings zeugen die gezeigten Entwicklertools und auch die neuen Stores davon, dass das Thema Design nun bei Microsoft bis in den letzten Winkel vorgedrungen zu sein scheint. In diesem Jahr wurde das allgemeine „Awesome“ in den Vorträgen durch die Formulierung „The beauty of …“ ersetzt. Der seit den letzten Jahren erkennbare Wandel von Microsoft von einem technikorientierten Unternehmen hin zu einem erlebnisorientierten bzw. designgetriebenen setzt sich also weiter fort.
Im Detail fand ich es schon erstaunlich zu sehen, wie schön Werkzeuge für Entwickler aussehen und funktionieren können. Das hat natürlich durch die Vorbildfunktion der Entwicklerwerkzeuge auch einen Einfluss auf die visuelle und interaktive Gestaltung der Anwendungen, die mit diesen Werkzeugen entwickelt werden.
Hinsichtlich der Konferenzthemen hatte das Thema „Gestaltung“ einen relativ geringen Anteil. Nachdem sich die Vorgängerkonferenz MIX sowie die letztjährige BUILD sowohl an Designer als auch an Manager und Entwickler gerichtet hatte, war diese BUILD in erster Linie eine Entwicklerkonferenz mit relativ wenigen Vorträgen zu Design. Meiner Einschätzung nach wurde der Weiterbildungsbedarf seitens der Entwickler, die mit Microsoft Werkzeugen arbeiten, von den Konferenzorganisatoren etwas unterschätzt, was auch die guten Auslastung der Designvorträge zeigte. Aus der internen Sicht von Microsoft scheint das Thema Design gesetzt und gefestigt. Meiner Ansicht nach ist es das in der Microsoft Entwicklergemeinde aber noch lange nicht durchgängig.

Metro Style für Business-Anwendungen

Es gab einige Sessions bei denen in der Fragerunde die Skepsis der Entwickler hinsichtlich der Anwendbarkeit des Metro Style bei Business-Apps sehr deutlich zum Vorschein kam. Mir ist diese Skepsis seit der Veröffentlichung des Metro Styles schon öfter begegnet. So richtig nachvollziehen kann ich sie nicht, da aus meiner Sicht Metro Style auch für Business Apps der richtige Schritt ist. Daher fand ich es sehr gut, dass Microsoft anhand ihrer eigenen Softwareprodukte und von Apps anderer Unternehmen gezeigt hat, dass es sehr wohl möglich und sinnvoll ist, die Designsprache Metro für Business-Anwendungen zu verwenden. Darüberhinaus schien es im Gegensatz zum letzten Jahr das Ziel von Microsoft zu sein, die Entwickler von Business-Apps geradezu davon überzeugen zu wollen, ihre klassischen Desktop-Anwendungen durch schicke Metro Style oder Windows Store-Apps für bestimmte Anwendungsfälle erst zu ergänzen und schließlich zu ersetzen.

Aus Touch First werden vier Eingabetechnologien

Microsoft fokussierte hinsichtlich der Eingabetechnologien in diesem Jahr auf Gesten, Touch, Maus und Stift. Der Schwerpunkt für die aktuelle Entwicklung scheint dabei auf Touch- und Stifteingabe zu liegen. Dies zeigt sich auch in den zahlreichen Windows 8-Geräten mit Touch- und Stifteingabe. Die Eingabe über Sprache und Tastatur wurde im Übrigen nur am Rande thematisiert.

We believe the next really big thing is simultaneous touch and stylus. (Jeff Han)

Touch für klassischen Windows-Anwendungen wichtig

Für die Entwickler und Gestalter von klassischen mausorientierten Desktop-Anwendungen ergibt sich daraus auch die größte Herausforderung für die nächsten beiden Jahre. Die Anforderung, dass diese Anwendungen auch mittels Finger zumindest fehlerfrei bedient werden können, wird sich aus meiner Sicht sehr schnell verbreiten. Von daher möglichst bald mit diesem Thema beschäftigen.

Cross-Device Apps

Der große Trend der Cross-Device Apps hat auch natürlich auch Microsofts Ökosystem erfasst. Microsoft nutzt den Cross-Device-Ansatz um seine Anwendungen und Angebot möglichst nahtlos vom Smartphone über Tablet, PC und Server bis hin zur Spielekonsole XBOX zu spannen. Da wundert es auch nicht, das Windows 8 und Windows Phone 8 eine gemeinsame Code-Basis haben und es damit möglich ist Funktionen einmal zu entwickeln und dann auf beiden Betriebssystemen zu verwenden. Mein Eindruck ist allerdings, dass diese Entwicklung zwar mit Nachdruck verfolgt wird, aber sich noch in den Anfängen befindet. Man sollte also nicht zu viel Wiederverwendbarkeit zwischen den unterschiedlichen Geräten des Microsoft Ökosystems erwarten.

HTML5, CSS und Javascript

Microsoft setzt weiterhin auf die Oberflächenentwicklung mit HTML5, CSS und Javascript, um die Cross-Device- und Cross-Plattformfähigkeit von Anwendungen zu unterstützen. Dazu erweitert Microsoft seine Entwicklungswerkzeuge, z.B. um TypeScript, um die Komfortmängel bei JavaScript zu umgehen. Am Rande wurde in diesem Zusammenhang übrigens eine clientseitige Implementierung von Anwendungen empfohlen, um die zahlreichen Formfaktoren und Geräte besser adressieren zu können. (Interessant für alle die, die gerade vor der Entscheidung serverseitiger vs. clientseitiger Implementierung stehen. 😉

Built-in Analytics

Microsoft setzt bei den Windows Store Apps – wie bereits im letzten Jahr angekündigt – auf Analytics. Der Hintergedanke ist klar und der Gleiche wie bei Google: Je mehr Daten über die tatsächliche Nutzung einer App vorliegen, umso einfacher fällt es den Produktmanagern die richtigen Entscheidungen hinsichtlich einer erfolgsmaximierenden Gestaltung zu treffen.

Microsoft Surface RT

Microsoft hat mit Windows 8 auch das neue Surface-Tablet veröffentlicht. Das Konzept und die Verarbeitung des Gerätes sind großartig. Nach einer Woche Intensivnutzung möchte ich es nicht mehr missen. Der eingebaute Ständer und das Touch-Cover erfreut den tablet-affinen Nutzer. Ein tolles Gerät zum Surfen, Schreiben, Spielen, Unterhalten, Kommunizieren und Bloggen. Die Akkulaufzeit ist so gut, dass nach einem intensiven Bloggertag ca. 60% Akkukapazität übrigbleiben. Zu den Einschränkungen:
* Es ist ungefähr so schwer wie das iPad und könnte damit etwas leichter sein.
* Windows RT ist verwirrend. Es fühlt sich so an wie das richtige Windows 8 Pro. Allerdings gehen die meisten klassischen Desktop-Anwendungen nicht und es sind nicht alle Apps aus dem Windows Store verfügbar.
* Die Bilder der eingebauten Kameras reichen für Kommunikation und Notizen. Fotos in hoher Qualität liefern sie aber nicht.
* Es fehlt die Unterstützung für Stifteingabe. Hier nehme ich mal an, dass es eine ähnliche Lösung durch Dritte geben wird, wie beim iPad.
Wer Skizzen machen will oder klassische Win-Apps – z.B. Google Chrome- verwenden möchte, sollte auf die Pro-Version des Surface warten. Ansonsten ist das Microsoft Surface sehr empfehlenswert.

Viele neue Geräte in unterschiedlichen Formen und mit Touch

Die zahlreichen neuen Geräte, die mit Windows 8 veröffentlicht werden sollten, sind tatsächlich auf dem Markt. Besonders angetan haben es mir die Geräte, die – wie das Lenovo IdeaCenter A720 – den Desktop PC-Anwender von seiner starren Arbeitsposition befreien und die Tischfläche zum Teil des interaktiven Erlebnisses machen.

Mein Fazit zur Konferenz an sich

So inspirierend die Konferenz auch wieder war: Der Microsoft Campus ist nicht für Veranstaltungen in dieser Größe ausgelegt. Das Hauptmerkmal dieser Konferenz war „Schlange stehen“. Egal ob Registrierung, Shuttle, Essen oder Sessions – für fast alles musste man sich länger anstellen. Leider war das dann teilweise umsonst, da man aufgrund der Teilnehmeranzahl in beliebte Sessions einfach nicht mehr reinkam. Aber gut. Es war trotzdem nett, dass ich mir mal den Microsoft Campus anschauen konnte.

Große Kritikpunkte der Veranstaltung waren die Verpflegung und die Zeltwirtschaft. Hier hat sich nicht nur die amerikanische Küche von ihrer schlechtesten Seite gezeigt. Durch den Dauerregen und die Zeltwirtschaft kam ich mir zwischendrin vor wie beim Camping. Die Klamotten waren klamm und die Schuhe nass.

Nebenbei hat die Gerüchteküche übrigens verlauten lassen, dass die BUILD jetzt jedes Jahr stattfindet … dann hoffentlich nicht mehr in Redmond sondern in Las Vegas oder einem anderen Ort, der für derartige Menschenmassen ausgelegt ist.

Zum Schluss

Die Videos der einzelnen Sessions findet ihr übrigens auf Channel 9.