Status Quo und Potenziale von User Experience und Usability im Umfeld von betriebswirtschaftlicher Software und ERP #uux #erp #bitkom

Die BITKOM-Arbeitskreise Usability und User Experience sowie ERP haben sich heute in der DATEV in Nürnberg getroffen, um den Status Quo und die Potenziale von UX und Usability im Umfeld betriebswirtschaftlicher Software und ERP zu diskutieren. Ich habe für Euch wieder die wichtigsten Impulse aus den einzelnen Beiträgen zusammengefaßt:

ERP UX im Wandel der digitalen Transformation

Dirk Bingler (GUS Software) ging in diesem Beitrag auf die Veränderungen ein, die sich für ERP-Software durch die digitale Transformation ergeben. Die digitale Transformation bietet neben der Möglichkeit Bestehendes effizienter zu machen, auch das große Potential neue Geschäftsmodelle zu etablieren. Dies liegt vor allem darin, dass zukünftige alle Maschinen, Werkzeuge und Werkstücke und auch (fast) alle Produkte digital miteinander verbunden sind. Die dadurch entstehende Datenmenge ist eine gute Basis für ERP Systeme, um auf dieser Basis Empfehlungen zu geben oder eigenständig zu entscheiden. Außerdem wird der Zugang zu und die Interaktionen mit ERP-Systemen in Zukunft unabhängiger von einem einzelnen Gerät oder einer einzelnen Interaktionsform. Der transaktionsorientierte Ansatz von ERP-Systemen wird durch kollaborative Ansätze abgelöst. In diesem Arbeiten Menschen mit Menschen, Menschen mit Maschinen und Maschinen mit Maschinen zusammen, um Aufgaben zu bearbeiten.

Bei der Gestaltung ihrer Systeme stehen ERP-Hersteller vor der Herausforderung die gewachsene Komplexität der grafischen User Interfaces neu zu denken. Die weiter zunehmende Komplexität der Systeme muss sich zukünftig hinter einer einfachen Interaktion zwischen Mensch und Maschine verstecken. Die Interaktion erstreckt sich dabei über eine Vielzahl von User Interfaces und Touchpoints erstrecken.

Dr. Karsten Sontow (Trovarit) berichtete über die Ergebnisse der Trovarit-Studie „ERP in der Praxis 2016/2017“ (n=3.468). Diese zeigt, dass viele Anbieter von komplexer Software mit langen Innovationszyklen kämpfen. In der Regel dauert der Generationswechsel bei ERP-Systemen 16 Jahre. Die Erwartungshaltungen der Anwender von ERP-Systemen hinsichtlich User Experience entwickelt sich aktuell schneller, als die Hersteller ihre Systeme modernisieren können. Die Studie bestätigte, dass Ergonomie und Praktikabilität mittlerweile zu den TOP 5 Entscheidungskriterien für ERP-Systeme gehören. Interessant dabei: Je größer eine ERP-Installation (je mehr Anwender) umso schlechter wird die Ergonomie bewertet.

Daher zählen Usability & Mobility für ERP-Hersteller zu den bedeutendsten Handlungsfeldern, um in der digitalen Transformation bestehen zu können.

DATEV Design DNA – Entwicklung einer produktübergreifenden Designsprache

Birgit Stenzel (DATEV) sprach darüber, wie die DATEV den Herausforderungen der digitalen Transformationen in Sachen Produktgestaltung begegnet. Der wesentliche Aspekt bei der Designstrategie der DATEV ist die übergreifende Sichtweise über alle Kontaktpunkte. Das Erlebnis des Kunden muss an allen Touchpoints – von der Marke über das Produkt bis hin zu Service und Vertrieb – konsistent sein, damit eine solide Kundenbindung erhalten bleibt bzw. entstehen kann.

Die großen Herausforderungen bei der Produktgestaltung sind die vielen technische Plattformen, Technologien und Geräte für die eine Designsprache konsistent funktionieren muss. Außerdem brauchen Hersteller von Business-Software auf der einen Seite eine möglichst hohe Konsistenz innerhalb ihrer Produkte, damit der Lernaufwand auf Seiten der Anwender gering bleibt. Gleichzeitig erfordert die digitale Transformation aber auch Freiraum für Innovationen. Damit dieses Spannungsfeld

gut aufgelöst werden kann, ist es erforderlich, dass die Gestaltungskompetenz der Organisation so hoch ist, dass die Entwicklungsteams mit diesem Freiraum nutzenstiftend umgehen können. Daher strebt DATEV an, dass in jedem Entwicklungsteam neben den klassischen Entwickler-Rollen auch min. einen UX Designer arbeitet.

Die DATEV Designsprache basiert auf Designprinzipien. Diese Designprinzipien wurden mit dem mittleren Management entwickelt, damit die Designsprache sich zum einen an den Unternehmenszielen ausrichtet und zum anderen von Anfang an eine Akzeptanz der Designprinzipien gegeben ist.

„Früher haben wir versucht alles einheitlich zu gestalten. Heute stellen wir Usability bzw. Einfachheit über Einheitlichkeit.“

Weiterhin hat die DATEV klassischen Styleguides den Rücken zugewandt. Die alten Styleguides werden durch ein modernes Designsystem ersetzt. Dieses Designsystem ist eine Mischung aus wenigen gestalterischen Regeln, die Designern und Entwicklern mehr Freiraum bieten, sowie echtem Programmcode, der eine effiziente Entwicklung ermöglicht.

Um die Etablierung von UX in der DATEV zu fördern, organisieren sich die UX Designer in einer Community of Practice. Es gibt zwar noch ein kleines zentrales UX Team. Dieses bildet aber im Wesentlichen die Klammer über die gesamte Community.

Instant Usability – wie neue Bedienkonzepte klassische Softwareschulungen ablösen

Hartmut Hahn (Userlane) hat sich in seinem Beitrag damit beschäftigt, wie Software-Hersteller die Usability-Bewertung ihrer Produkte durch eine neue Form von Schulung bzw. ein Navigationssystem für ihre Software anheben können. Einfach verständliche Lösungen sind im Business-Softwarebereich nicht immer so einfach zu realisieren. Sei es, dass sich Anwender so sehr an eingefahrene Legacy-Prozesse gewöhnt haben, dass sie keine Änderungen akzeptieren oder, dass dem Unternehmen schlicht die Ressourcen für gute User Experience fehlen.

„Am Ende ist Schulung immer eine Behelfslösung für Usability.“

Userlane hat sich auf die Fahne geschrieben, durch eine zusätzliche Benutzerführung bzw. -schulung direkt in der Software, den Anwendern bei der Bedienung zu helfen und komplexe Systeme nutzbarer zu machen. Software-Hersteller, die sich gute UX nicht leisten können oder wollen, können ihre Systeme durch einen Art externes Navigationssystem ergänzen, welches ihre Anwender durch ihr komplexes Angebot führt. Spannend werden solche Systeme aus meiner Sicht, wenn Anwender vom Navigationssystem nicht durch das komplexe System geführt werden, sondern wenn diese Navigationssystem nur noch die paar Fragen stellt, die das komplexe ERP-System im Hintergrund benötigt, um die Aufgabe für den Nutzer erledigen zu können. Also wen das „Navi“ den Anwender „beamt“ anstatt jeden Weg entlang zu führen.

Agile und trotzdem kreativ? Pragmatische UX in Prozessen verankern.

Dr. Ronald Hartwig (untrouble) beschrieb in seinem amüsanten Vortrag was er in agilen Entwicklungsprozessen erlebt hat, wenn es darum geht, eine gute User Experience zu erreichen.

User Experience ist das Große und Ganze … der gesamte Erfolg.

Er ging dabei insbesondere auf die Aspekte für die Integration von UX im Entwicklungsprozess ein, die meist nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von UX-Experten stehen, wie z.B. Stakeholderinteressen, interne Politik, Beharrungskräfte oder Gruppendynamiken. Zur Veranschaulichung nutzte er die Entwicklung eines digitalen Beratungswerkzeuges für Rehabilitation als Beispiel. Das bestehende System ist ein, in die Jahre gekommener Software-Monolith, der in einem agilen Prozess weiterentwickelt wird.

Er ging dann auf die Fallstricke der agilen Entwicklung aus UX-Sicht ein. Agile Entwicklung setzt auf eine wiederholte enge Einbindung von Anwendern. Dies birgt z.B. die Gefahr, dass verfälschte Erkenntnisse von Nutzern in die Entwicklung gelangen, wenn wiederholt die gleichen Anwender einbezogen werden. Mit der Zeit „Verschleißen“ Anwender und nähern sich zu sehr an das Entwicklungsteam an. Die Entwicklung einer Produktvision ist im agilen Prozess in der Regel nicht enthalten. Diese ist aber wichtig, damit alle wissen, in welche Richtung es gehen soll. Außerdem berücksichtigt der agile Entwicklungsprozess bestimmte Eigenheiten im menschlichen Zusammenarbeit nicht ausreichend, wie persönliche Interessen oder Zielkonflikte.

Fazit: Agile Entwicklung ist ein guter Schritt in Richtung UX, allerdings beinhaltet der agile Entwicklungsprozess einige Fallstricke. Agile Entwicklung ist daher kein Garant für gute UX. Um die Vorteile agiler Entwicklung nutzen zu können und gleichzeitig ein erstklassiges Nutzungserlebnis zu erreichen, muss das Zusammenspiel von UX und Entwicklung im Entwicklungsprozess explizit betrachtet und optimiert werden. Manchmal braucht es im agilen iterativen Prozess einen Mini-Wasserfall um am Ende ein gutes Erlebnis bieten zu können. Er empfiehlt dazu einen Blick in den Lean UX-Ansatz von SAP.

Unternehmen, die Customer Experience in den Mittelpunkt ihrer Strategie stellen, sind erfolgreicher als Unternehmen, die das nicht tun. (Watermark Consulting)

User Experience – Wie wecken wir Empathie für den Nutzer?

Aus dem Vortrag von Robert Innes (advantegy) nehme ich mir zwei schöne Zitate mit:

Usability ist ein Muss, User Experience schafft Erfolge.

Gute Usability spart Zeit und Mühe, aber die produktivsten Menschen haben Spaß an Ihrer Arbeit.

Nächste wichtige Termine in AK UUX, AK ERP und BITKOM

  • AK ERP: Nächstes Treffen am 23.11. in Köln „Workshop: Digitale Plattformen und ERP“
  • AK UUX: Nächstes Treffen findet im Jan/Feb statt, wird unter www.bitkom.org/Termine/ veröffentlicht
  • AK Software Engineering: Treffen am 10.10. in Frankfurt zu „Design Thinking hautnah“
  • BITKOM: 28.11. hub conference in Berlin