Mit User Experience als Disziplin in agilen Organisationen führen

Die Art und Weise, wie das Thema User Experience in Unternehmen geführt wird, ist stark vom Reifegrad des Unternehmens hinsichtlich Human Centered Design abhängig. Unternehmen, die UX gerade für sich entdeckt haben, versuchen in der Regel im ersten Schritt einzelne Personen zu benennen bzw. ein zentrales UX-Team aufzubauen. Diese führen dann von zentraler Stelle aus das Thema UX im Unternehmen, d.h.

  • sie werben für das Thema,
  • bieten Weiterbildung und Beratung zu UX an,
  • liefern gestalterische Arbeiten zu,
  • führen im Auftrag UX-Dienstleistungen für die Entwicklungsteams durch oder
  • arbeiten temporär in Projekten mit.

Mit zunehmender Etablierung von UX als Disziplin im Unternehmen kann sich dann ein zentrales UX-Team zu einer UX-Abteilung entwickeln. Der Wirkungsgrad von zentralen Teams und Abteilungen ist aber unabhängig von ihrer Größe sehr begrenzt. Meist werden sie in ihrer Arbeit von organisatorischen Grenzen und Zielkonflikten zwischen Teams, Abteilungen, anderen Disziplinen oder anderer zentraler Einheiten behindert. Zentrale Teams müssen ständig um Aufmerksamkeit und Bedeutsamkeit kämpfen, um in einem Unternehmen Wirkung entfalten zu können.

Im Zuge der Einführung von agilen Vorgehensweisen ist bei einigen Unternehmen aktuell zu beobachten, dass ein neues Muster für die Führung von User Experience Einzug hält. User Experience wird in agilen Organisationen dadurch implementiert, dass UX Designer direkt in den crossfunktionale / interdisziplinäre Entwicklungsteams arbeiten. Die Führung des Themas / der Disziplin UX als Ganzes erfolgt dann nicht mehr über ein zentrales Team, sondern über teamübergreifende Communities bzw. Gilden oder Chapters. Ein bekanntes Beispiel für diese Art der Implementierung von UX ist ING bzw. Spotify. Wie das dort organisiert ist, könnt Ihr Euch in diesem Video ansehen:

Dieses Organisationsprinzip klingt erstmal wunderbar, da es viele organisatorische Probleme löst und UX auf Augenhöhe mit anderen Disziplinen gestellt wird. Im Detail ist es dann aber doch gar nicht so einfach eine funktionierende und wirksame Community bzw. eine Gilde für UX in agilen Organisationen aufzubauen. Ich arbeite seit geraumer Zeit daran, eine derartige Organisationsform einzuführen. Dabei sind mir folgende Erfolgsfaktoren aufgefallen, die ich gern mit Euch teilen möchte:

  1. Es muss eine/n UX-Verantwortliche/n im Unternehmen geben, welche die Belange und Interessen der Gilde im Management vertreten kann. Diese muss von der Unternehmensführung dafür legitimiert sein und Zugang zu den wichtigen Entscheidungsgremien haben. Diese Person sollte über ein entsprechendes Budget für den Betrieb und die Weiterentwicklung der Gilde und deren Mitglieder verfügen.
  2. Die Mitgliedschaft in der UX Gilde muss an entsprechende Fähigkeiten geknüpft werden. Mitglied können nur Mitarbeiter werden, die über die notwendigen UX-Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen. Es muss im Unternehmen bekannt sein, wer dazugehört.
  3. Die UX Gilde muss für einen kontinuierlichen Wissens- und Erfahrungsaustausch , um einen konsistenten Wissensstand in der Disziplin zu haben und übergreifend ihre Disziplin führen zu können.
  4. Die Wege für übergreifende Designentscheidungen und diesbezügliche Eskalationen wurden definiert, sind bekannt und anerkannt.
  5. Es wurden Richtlinien und gemeinsames Handwerkszeug für die Produktgestaltung bzw. UX Design definiert, um einen gemeinsamen Qualitätsstandard in der Entwicklungsorganisation zu erreichen.
  6. Es gibt ein Ausbildungsprogramm für UXler, um ein durchgängig hohes Fähigkeitsniveau zu erreichen.
  7. Die Wirksamkeit der Gilde und die Zielerreichung für UX wird anhand von Metriken gemessen und durch regelmäßige Retros ständig verbessert.
  8. Es wurde ein Reifegradmodell für die Weiterentwicklung der Disziplin UX definiert. Dieses dient bei der Weiterentwicklung von UX im Unternehmen als Orientierung und Maßstab.
  9. Und zu guter Letzt: sollte es regelmäßig Events zur Förderung des Zusammenhalts in der UX Community geben.