Gestaltung und Testen aus einer Hand? 17Sep08

Vor einigen Monaten habe ich mit Fachkollegen intensiv diskutiert, ob ein Interaction Designer seine Bedienoberflächen-Entwürfe selbst im Usability Labor testen kann. Damals sind wir in dieser Frage zu keiner eindeutigen Antwort gekommen:

Einige Kollegen vertreten den Standpunkt, dass es eine Frage der Professionalität ist, ob ein Interaction Designer die eigenen Entwürfe testen kann. Ein Designer mit dem entsprechenden Fachwissen sollte demnach in der Lage sein, aus den Aussagen der Anwender die Erkenntnisse abzuleiten, die für die Optimierung des eigenen Gestaltungsentwurfes notwendig sind. Da es in der Natur seines Berufes liegt mit Kritik umzugehen, sollte er weiterhin in der Lage sein relativ emotionsfrei den eigenen Entwurf kritisch zu diskutieren bei Bedarf zu überarbeiten.

Andere Kollegen teilen meine persönlichen Erfahrung als Gestalter und Usability-Tester, dass es sehr schwer ist als Gestalter den eigenen Entwurf unvoreingenommen zu testen und auf Basis dieser Erkenntnisse wirklich zu verbessern. Zum einen stecken in einem Gestaltungsentwurf oft viel Herzblut und Zeit. Zum anderen hat der Gestalter ein tiefes Verständnis von der Funktionsweise des Entwurfes. Dadurch fehlt der notwendige Abstand um Usability Tests richtig auswerten und die richtigen Schlüsse ziehen zu können.

Die gleiche Diskussion habe ich im Rahmen eines aktuellen Projektes mit einem Usability-Dienstleister geführt. Dabei vertrat dieser den Standpunkt, dass es vorteilhaft ist, dass ein Unternehmen bzw. Team eine Bedienoberfläche sowohl gestaltet und auch testet. Die Vorteile einer solchen Konstellation, wie z.B. kurze Abstimmwege und geringe Reibungsverluste, überwiegen die eventuellen Nachteile. Diese Argumentation und die Größe des Unternehmens waren die ausschlaggebenden Punkte, dass wir ein User Centered Design-Projekt komplett an diesen Dienstleister vergeben haben. Dabei übernahm das Unternehmen sowohl die Projektleitung, die Gestaltung als auch das Testing (Vorbereitung, Durchführung, Auswertung). Das Projekt wurde seitens des Dienstleisters von zwei Interaktionsgestaltern in Form eines Rapid Prototyping durchgeführt.

Leider hat sich in diesem Projekt gezeigt, dass es in der Praxis auch für erfahrene Interaction Designer nicht möglich ist den eigenen Entwurf zu testen. Das beginnt beim Aufbau des Leitfadens, in dem unbewusst wichtige Gestaltungsannahmen als gegeben angesehen und nicht hinterfragt werden. Geht weiter bei unbewussten Fehlern beim Interview, wie z.B. Suggestivfragen. Und führt zu guter Letzt zu emotional angehauchten Diskussionen über die Veränderungen am Gestaltungsentwurf. Dabei waren die Hauptgründe aus meiner Sicht weniger die fehlende Professionalität sondern eher:

  • der Zeitdruck,
  • das für die Nacharbeiten übriggebliebene Budget und
  • das investierte Herzblut.

Zukünftig werde ich deshalb wieder bei meiner alten Maxime bleiben:

"Einer gestaltet und ein Anderer testet."

Design und Testing sollten nicht in einer Hand liegen und auch nicht durch einen Dienstleister durchgeführt werden. Durch die Kopplung verschenkt man sich eine unabhängigen Meinung zum Entwurf.

Die Trennung von Design und Testing verhindert, dass sich Zwänge, die sich aus einem ungünstigen Projektmanagement ergeben, auf die gestalterische Qualität auswirken. Außerdem führt die Trennung fast immer zu einer fruchtbaren Diskussion zwischen Usability-Experten, Designer sowie Auftraggeber, da alle Beteiligten ihr Fachwissen zusammen anwenden und sich dadurch sehr gut ergänzen.

Wie seht Ihr das? Welche Erfahrungen habt Ihr zu diesem Thema gemacht?






2 Kommentare

Michael Hagermann said:

Ich würde das nicht so einfach sehen. Die Trennung von Design und Testing hat nicht nur Vorteile. Ein großer Nachteil liegt im Zeitverlust und natürlich auch im Monetären. Es kann sich nicht jedes Unternehmen eine Designagentur und eine Testingagentur zugleich leisten.

philosapiens said:

Hi,

genau so sehe ich das auch. Sehr treffsicher die Problematik beschrieben.

Übrigens habe ich aus genau diesem Grund auch einmal ein Projekt ins Leben gerufen, was zwar noch sehr in den Kinderschuhen steckt, aber im Grunde dieses Thema auch untermauert.
Eines meiner Hauptinteressen ist die Barrierefreiheit. Und genau da halte ich es für fast aussichtslos sich in den jeweilgen User hineinzuversetzen, da die einzelnen Anforderungen an die jeweilge Webseite doch viel zu verschieden ist.
Wer auch einmal schauen möchte: http://barrierefrei.idealseiten.de
Es geht dort darum, dass behinderte Internetnutzer Webseiten auf ihre Bedienbarkeit hin testen und mit ihren Worten beschreiben.

Wir lesen uns!

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