Kategorie-Archiv: Anwenderorientierte Gestaltung

Adapting UX Methods for Unfamiliar Contexts #uxstrat

Zach Hyman (Continuum) sprach über die Berücksichtigung des sozialen und kulturellen Kontextes bei der Gestaltung von digitalen Services. Er berichtete aus einem Projekt in dem sie als Agentur beauftragt wurden, für die jordanische Bank NMB einen Weg zu finden, wie Menschen in ländlichen Gegenden Krediten abzahlen können.

Zum Hintergrund des Projektes muss man wissen, dass Jordanier Bargeld lieben. Nur 1,5% der Jordanier haben eine Kreditkarte. Außerdem nutzen viele Featurephones und nur wenige Smartphones. Das konkrete Problem, was zu lösen galt, war die Rückzahlung von Krediten. Menschen, die in ländlichen Gegenden in Jordanien leben, müssen weite Weg zu Banken zurücklegen, um ihre Kredite bar abzuzahlen. Oft beauftragen sie Verwandten oder Freunden das Geld einzuzahlen. Außerdem scheinen sich viele Jordanier schwer zu tun Geld zu sparen, um die Kredite abzuzahlen. 

„We should design the behavior, rather than the product.“

Durch intensive Beobachtung des Nutzungsverhaltens von Kreditnehmern und des Nutzungskontextes entwickelten sie ein entsprechendes Konzept. Sie beobachteten, dass Menschen zum einen ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu ihren lokalen Händlern haben. Außerdem beobachteten sie, dass viele Menschen ein „Hassalah“ – eine Art jordanisches Sparschwein – zum Ansparen verwenden. Mttels Prototypen entwickelten sie einen Service, bei dem lokale Händler die Aufgaben von Bankschaltern übernahmen und mittels einer mobilen App die Kreditrückzahlungen abwickeln. Bei Bedarf kann bei jedem Einkauf entweder der komplette Kreditbetrag oder auch nur ein kleiner Teil eingezahlt werden – wie beim Sparschwein.

Neben den Projektergebnissen hob er hervor, wie wichtig es für Agenturen ist, Empathie für ihre Kunden und deren Kontext zu entwickeln. Auch wenn Agenturen wegen ihrer Expertise eingekauft werden, so müssen sie zuerst verstehen, wie und in welcher Umgebung ihre Kunden arbeiten. Wenn der Kunde darüberhinaus in einem anderen kulturellen Umfeld lebt als die Agentur, ist es wichtig ein lokales Team zu haben, was direkt vor Ort im gleichen kulturellen Kontext arbeitet und sich mit den lokalen Gepflogenheiten auskennt.

You are only as goog as your local team.

Siehe auch

Prototyping invisionapp.com

Developing a Multi-Channel Banking Experience #uxstrat

David Ruiz Martinez (Orange Bank) berichtet von einem Innovationsprojekt namens „Orange Bank“. Orange Bank ist kein echtes Unternehmen. Es ist der Versuch einer echten Bank und eines echten Telekommunikationsunternehmens eine neue Banking Experience von Grund auf neu zu konzipieren und umzusetzen. Ein Team von UX Designern, Entwicklern und Anwendern bekam 522 Tage, um in einem agilen Vorgehen auf der grünen Wiese eine neue globale Bank für die Bedürfnisse moderner, mobiler und digitaler Menschen zu erfinden. Das Vorgehen war dabei aus Designsicht natürlich State-of-the-art. Sie benutzten alles, was der aktuelle Methodenbaukasten des UX Designs hergibt. (z.B. Customer Journey, Experience Maps, Agile UX Testing, Mobile First, …) Spannend fand ich die Art und Weise, wie sie dabei Anwender in die Konzeption integriert haben:

Die aktuell fiktive Bank soll in ca. einem Monat veröffentlicht werden. Es wird spannend sein zu sehen, ob die so sorgfältig konzipierte Bank eine erfolgreiche Bank wird. Auch wenn das Vorgehen aus theoretischer Sicht sicherlich vorbildlich war, so fehlt eine wesentliche Komponente … nämlich das natürliche Wachstum einer Idee in der Praxis. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Ideen, die in einem zu großem Umfang und zu Perfekt in einer künstlichen Umgebung konzipiert wurden, daran leiden, dass die Konzepte zu viele Dinge enthalten, die im Detail in der Praxis nicht funktionieren oder gar von einem Problem ausgehen, was in der Praxis nicht oder anders existiert. Man kann versuchen dieses Problem durch intensives User Research zu verringern. Wenn Ideen aber in bestehenden großen Unternehmen konzipiert werden, wirken die Mechanismen dieser Unternehmen bzw. Systeme (z.B. Politik, Zielkonflikte, bestehende Prozesse und Kenntnisse oder persönliche Karriereinteressen) auf diese Ideen ein und sorgen so dafür, dass nicht alle Erkenntnisse adäquat umgesetzt werden können. Bei Ideen, die dagegen von einem kleinen Kern ausgehend Schritt für Schritt im echten Leben zu einem großen erfolgreichen Angebot gewachsen sind, musste dieser Balast durch Trail and Error abgeworfen und die Idee immer weiter verfeinert werden, da die Ideen es ansonsten nicht zum Erfolg geschafft hätte.

In seinem Vortrag verwendete er ein sehr schönes Zitat, welches ich Euch nicht vorenthalten möchte:

„Start designing without a previous User Research is like getting married without knowing the bride. At least consider taking a coffee before.“ David Ruiz

Das Ergebnis könnt ihr Euch hier ansehen:
Orange Bank, the bank for right now

Human Computer Integration – wie Menschen und Maschinen zusammenwachsen

Die CHI 2017 hatte noch gar nicht richtig angefangen, da stach bereits ein großes Trendthema aus der Masse der zahlreichen Paper, Panels und Sessions hervor: Human Computer Integration. Der Begriff selbst geht auf eine Veröffentlichung von Umer Farooq und Jonathan T. Grudin in der ACM-Publikation „Interactions“ aus dem Dezember 2016 zurück. 

Das Zusammenspiel von Mensch und Maschine hat sich in den letzten 50 Jahren nicht dramatisch verändert. Bisher war es immer der Mensch, der der Maschine gesagt hat, was zu tun ist – anfangs über Lochkarten bzw. -streifen später über Maus und Tastatur. Der Mensch hat durch ein Loch, durch einen Klick auf einen Button oder eine Texteingabe gesagt, was zu tun ist. Die Maschine hat es getan und dann auf den nächsten Befehl des Menschen gewartet. Seit einigen Jahren ist aber Bewegung in das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine gekommen. Die Eingabemöglichkeiten haben sich durch die Weiterentwicklung von Sensorik und Algorithmen ständig erweitert. Es kamen Eingaben über Berührung, Sprache und Gehirnwellen dazu. Wir können heute digitale Systeme beobachten, die nicht mehr auf die Eingabe eines Menschen warten. Diese Maschinen sind so gebaut, dass sie Kontextinformationen sammeln und diese in Kombination mit Eingaben des Menschen bringen. Es sind digitale Systeme, die ihre Arbeit im Hintergrund ohne direkte Aufforderung eines Menschen tun. 

Und genau darum geht es bei Human Computer Integration. Der Begriff beschreibt die nächste Ära nach Human Computer Interaction. Ein Ära in der Mensch und Maschine zusammenwachsen und partnerschaftlich zusammenarbeiten. Digitale Maschinen arbeiten in Zukunft, über die heute zu beobachtende Assistenz hinaus, viel mehr im Hintergrund, übernehmen Routinetätigkeiten, beobachten und bereiten Handlungsmöglichkeiten vor und handeln vorausschauend. Dies bedeutet eine große Veränderung für die Art und Weise, wie wir diese Maschinen gestalten. Die Sichtweisen, Methoden und Best-Practices der Disziplin „Human-Computer-Interaction“ sind dafür nicht mehr ausreichend. Es genügt nicht mehr einen verständlichen, effizienten und effektiven Weg anzubieten, Maschinen zu sagen, was sie tun müssen. Wir müssen lernen die „partnerschaftliche“ Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine zu gestalten – also die Integration von Maschinen in den menschlichen Alltag. An dieser Stelle muss unbedingt erwähnt werden, was „partnerschaftlich“ in diesem Zusammenhang bedeutet. Damit ist keineswegs eine Partnerschaft mit den Qualitäten einer menschlichen Beziehung, wie z.B. Freundschaft oder Liebe, gemeint. Es geht vielmehr um partnerschaftliche Zusammenarbeit, wie man sie im Dienstleistungs- oder Arbeitsumfeld findet. Das Potential was in dieser Zusammenarbeit steckt, ist immens. Menschen und Maschinen werden noch eine lange Zeit über unterschiedliche Fähigkeiten verfügen. Die Kombination dieser unterschiedlichen Fähigkeiten wird neue Möglichkeiten für die Entwicklung der Menschheit bieten. Sie wird Unternehmen maßgeblich dabei helfen im wirtschaftlichen Wettbewerb bestehen zu können.

Consider the engagement as an ongoing partnership. – Farooq & Grudin

Human Computer Integration bedeutet aber nicht nur, dass sich die digitalen Systeme „partnerschaftlich“ in das Leben ihrer Nutzer integrieren. Da die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz heute noch in den Kinderschuhen stecken, brauchen solche Systeme ein menschliches Backup bzw. menschliche Trainer. Künstliche Intelligenz braucht Menschen im Hintergrund, welche die Unzulänglichkeiten der Algorithmen ausgleichen und das System trainieren. KI braucht quasi Eltern, welche auf eine gute Erziehung achten.  In den Beiträgen der CHI, u.a. von Microsoft Research und Google, klang immer wieder durch, dass viele Micro- und Marcrotasker heute im Hintergrund von automatisierten Systemen arbeiten. Microtasker kümmern sich dabei um die einzelnen Fälle, bei denen die KI nicht weiterweiß, und trainieren den Algorithmus. Macrotasker haben den gesamten UseCase im Blick und klären größere Eskalationsfälle. Das ist u.a. einer der Gründe, warum die amerikanischen Unternehmen heute so schnell sind. Sie ergänzen ihre künstliche Intelligenz durch Crowdsourcing, Microtasker und Macrotasker. Das hat neben dem Geschwindigkeitsaspekt noch den Charme, dass die Unternehmen so schneller lernen, was ihre KI noch alles lernen muss. Ich habe den Eindruck bekommen, dass 70-80% der heutigen Arbeit in solchen digitalen Systemen durch künstliche Intelligenz und 20-30% durch Menschen erledigt wird … und dass dies noch eine ziemlich lange Zeit so bleiben wird.

Als Beispiel für ein integierte digitales System, welches sich dieses Vorgehen zu nutze macht, könnte man UBER sehen. Das System UBER bietet heute ein sehr angenehme und einfache Art der persönlichen Mobilität. Das System UBER nutzt dabei die vorhandenen Privat-PKWs samt Fahrer und kombiniert es mit komfortablen Mechanismen für das Bestellen und Bezahlen. Betrachtet man UBER aus der Perspektive von Human-Computer-Integration, sticht besonders die Integration der menschlichen Fahrer in das System hervor. Im Grunde würde UBER die Fahrer gar nicht brauchen, wenn die Autos intelligent genug wären und selbst fahren könnten. Die UBER-Fahrer helfen dem digitalen System UBER die Dienstleistung anzubieten. Sobald Autos selbst fahren können, müssen UBER-Fahrer nicht mehr fahren, um Geld zu verdienen. Es genügt dann, ihr privates Fahrzeug für die UBER-Nutzung „freizugeben“.

In gewisser Weise ist diese Erkenntnis auch beruhigend. Intelligente Systeme werden zwar einige Jobs tatsächlich ersetzen. Sie werden aber noch lange ein Human Backup und menschliche Trainer benötigen. Die Menschen, die heute mit Tätigkeiten wie dem Erfassen von Daten, dem Umwandeln oder Überprüfen von Daten beschäftigt sind, sind die zukünftigen Microtasker und Macrotasker der künstlichen Intelligenz. Natürlich werden diese Jobs nicht den gleichen Wohlfühlfaktor haben, wie es auf der Seite der Anwender dieser digitalen Systeme der Fall ist. Menschen, die als Human Backup in intelligenten Systemen arbeiten, werden durch diese getaktet arbeiten. Sie werden ein stückweit zu Dienern der KI.

Die heutigen Datenerfasser und Datenüberprüfer werden das zukünftige Human Backup der künstlichen Intelligenz.

Die zahlreichen Diskussionen auf der CHI haben gezeigt, wie kritisch, ja fast schon eifersüchtig, diese Entwicklung gesehen wird. Es wird befürchtet, dass die künstliche Intelligenz zur Konkurrenz für die Menschen wird.

Respect and value what it means to be a human. – Ben Shneiderman

Aus meiner Sicht ist es zu spät darüber zu diskutieren, ob wir diese Entwicklung so wollen. Sie passiert bereits und lässt sich nicht mehr aufhalten. Ich glaube, dass wir Menschen alles das, was wir heute in der Natur erleben, irgendwann künstlich nachbauen können – bis hin zum menschlichen Gehirn. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir die Mechanismen dahinter gut genug verstanden haben. Ich glaube, dass wir in sehr ferner Zukunft Maschinen nutzen werden, die über menschliche Fähigkeiten verfügen. So lange mit solchen Entwicklungen Reichtum und/oder Ansehen erlangt werden kann, wird es Menschen geben, die daran forschen und dies realisieren. Das wird aber nicht über Nacht passieren. Wenn ich mir so anschaue, was sich in den letzten 50 Jahren verändert hat, so wird das noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dauern. 

Anstatt das „Ob“ zu diskutieren, müssen wir uns die Frage stellen, wie wir diese Entwicklung zum Wohle der gesamten Menschheit nutzen können. Wir müssen darüber reden, wie alle Menschen Zugang zu solchen Technologien bekommen. Wir müssen diskutieren, wie wir sicherstellen, dass diese Technologien friedlich genutzt werden. Wir müssen Kontrollmechanismen und Zertifizierungen für künstliche Intelligenz und deren Algorithmen schaffen, um Missbrauch zu verhindern. Wir müssen darauf achten, dass Menschen trotz Human-Computer-Integration und Automatisierung die notwendigen Fähigkeiten erlernen und die notwendige Aufmerksamkeit bewahren können, um die Arbeit der intelligenten Systeme einschätzen und ggf. verbessern zu können.

Siehe auch
Human-computer integration

Introducing Mood Self-Tracking at Work #chi2017

Veronica Rivera-Pelayo (FZI) beschäftigte sich in ihrem Beitrag mit der Frage, welchen Einfluss die Aufzeichnung und Auswertung des eigenen Gemütszustandes in Call Centern haben kann. Hintergrund ihrer Idee ist die Beobachtung, dass zunehmend mehr Menschen Gesundheitsdaten aufzeichnen und dafür benutzen, um gesünder zu leben. Bei diesen Aufzeichnungen spielen Gefühle aber noch keine Rolle. Im Detail beschäftigten sie sich mit den folgenden Fragestellungen:

  • Akzeptanz des Tracking des Gemütszustandes in Call Centern
  • Einfluss auf die Kollegen, 
  • Einfluss auf das Management und 
  • Verbesserungen in der Arbeitsleistung

Die große Herausforderung dabei war die Beobachtung, dass die Arbeit in Call Centern zwar emotional sehr anspruchsvoll ist. Das Zeigen von Gefühlen werden in Call Centern aber oft als unprofessionell angesehen. Darüberhinaus besteht die Arbeit häufig aus Rountinen besteht und bereits über KPIs vermessen und bewertet wird.


Um die Fragestellungen zu beantworten, entwickelten sie eine App zur Aufzeichnung des Gemütszustandes (Siehe Bild) und führten eine entsprechende Studie durch. Die Erkenntnisse im Überblick:

  • 90% der Teilnehmer hatten kein Vorbehalte ihre Gefühle aufzuzeichnen und auszuwerten.
  • Die Zufriedenheit der Teilnehmer und die Arbeitsleistung der Teams nahm während der Aufzeichnung des Gemütszustandes zu und verringerte sich nach Beendigung der Nutzung.
  • Die Nutzer einer solchen App müssen verstehen können, welche Auswirkungen das Aufzeichnen des Gemütszustandes über die eigene Reflektion hinaus haben kann.
  • Die Neugier der Teammitglieder über den Gemütszustand der eigenen Kollegen förderte den Teamzusammenhalt.
  • Es war ein positiver Effekt auf die Beziehung zwischen Communication Manager und den Telefonisten zu beobachten, da das Feedback über den Gemütszustand des Teams dazu führte, dass die Manager entsprechend reagierten.

Exploring changing consumer behaviors in email #chi2017

Frank Bentley (Yahoo User Research) beschäftigte sich in seinem Beitrag damit, wie sich die eMail-Nutzung über die Zeit verändert hat. Vorallem die zunehmende Nutzung von Messenger-Applikationen hatte darauf einen großen Einfluss. Mit einer groß angelegten Studie (n=1.300) erhoben sie wofür eMail heute verwendet wird. Die Ergebnisse im Überblick:

  • Wandel zu B2C-Kommunikation: Die Studie zeigte, dass eMail heutzutage häufig für die Kommunikation mit Unternehmen verwendet wird. (Rechnungen, Buchungen, Tickets, Event-Benachrichtigungen) Emails werden im Vergleich zu früher deutlich weniger für persönliche Kommunikation z.B. mit Freunden oder der Familie eingesetzt. Im beruflichen oder schulischen Umfeld haben eMails immer noch ihre Bedeutung als Kommunikationsmittel.
  • Coupons und Rabatt-Aktionen: Viele eMails stammen heutzutage aus Rabattaktionen, die von den amerikanischen Nutzern auch zu 45% regelmäßig genutzt wurden.
  • Neue Art von eMail-Overload: eMail-Nutzer fühlen sich heute mehr denn je von der Flut an eMails überfordert. Viele eMails werden nie gelesen und aufgrund der Menge auch nicht mehr so intensiv organisiert wie früher. Und das, obwohl die Bedeutung von eMails durch B2C-Kommunikation zugenommen hat. Es müssen Rechnungen bezahlen werden, Flugtickets herausgesucht, auf Termine bzw. Fristen oder auf das Ablaufdatum von Rabattaktionen geachtet werden.
  • eMails sind mobil: eMails wird häufig über mobile Geräte gelesen und beantwortet. 

Und da er von Yahoo ist, stellte er natürlich auch gleich einen eMail-Klient vor, der diese Erkenntnisse berücksichtigt. Für die Details zu diesem eMail-Client habe ich Euch unten das entsprechende Video verlinkt.

Siehe auch

Video: Exploring the Changing Use of Personal Email Accounts

FlowLight – Reducing Interuptions at Work #chi2017

Manuel Züger und Andrè N. Meyer (University of Zurich) haben ihrem Beitrag ein Beleuchtungssystem vorgestellt, welches Störungen und Ablenkungen durch zwischenmenschliche Interaktionen in Großraumbüros oder Open Spaces reduzieren soll.

FlowLight funktioniert dabei wie eine Ampel, welche die Verfügbarkeit der Kollegen für Kommunikation anzeigt. Die Ampelstadien werden dabei automatisch mit Hilfe von Algorithmen auf Basis des Nutzerverhaltens gesetzt. Werden beispielsweise Maus und Tastatur bedient, schaltet das System automatisch auf rot. Sie evaluierten das System in einer breit angelegten Studie (n=449). Diese zeigte, dass die Unterbrechungen durch das Ampelsystem in der Anfangszeit der Nutzung tatsächlich abnehmen und dies positive Auswirkungen auf die Arbeit hat. Einige Nutzer berichteten darüber, dass die Unterbrechungen in den ersten Tagen zunahmen, da sie die Ampel erklären mussten. Die Studie erstreckte sich über 2 Monate. Innerhalb dieser Zeit wurde das System intensiv genutzt.

Meine persönliche Ergänzung: Wir haben ähnliche – wenn auch nicht so intelligente – Systeme bei uns ausprobiert. Wir haben dazu ein Ampelsystem (Lampe mit unterschiedlichen Farben am Tisch) und ein Tisch-Fähnchen (Fähnchen oben = bitte nicht stören) zur Anzeige der Verfügbarkeit ausprobiert. Wir haben ebenso die Erfahrung gemacht, dass dies in der Anfangszeit gut funktioniert hat, auch wenn die Mitarbeiter die Fähnchen selbst setzen bzw. die Ampel manuell über seinen Outlook-Kalender bzw. seinen Lync-Status verändern mussten. Über eine längere Zeit hat sich ein derartiges System bei uns aber nicht bewährt. Die Nutzung ging nach ein paar Wochen schnell zurück, weil sich die Kollegen zum einen nicht dauerhaft an den Ampelstatus hielten und es trotzdem zu Unterbrechungen kam. Zum anderen gibt es in der Arbeitswelt mit Chat und Telefon noch weitere potentielle Störungsquellen, die von diesen Systemen nicht adressiert werden können.

Siehe auch

http://sealuzh.github.io/FlowTracker/

UX Stammtisch Franken: Barrierefreiheit

Im letzten Jahr wurden weitere wichtige gesetzliche Grundlagen für barrierefreie digitale Angebote geschaffen. Die Bundesregierung modernisierte das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) und die EU verabschiedete eine neuen Richtlinie für die Barrierefreiheit von Webseiten und mobilen Applikationen für öffentliche Stellen. Das Thema Barrierefreiheit scheint nun Schritt für Schritt den Stellenwert zu bekommen, der für eine barrierearme bzw. barrierefreie digitale Welt notwendig ist.

Aus diesem Grund haben wir den ersten UX Stammtisch Franken des Jahres dazu genutzt, einen gemeinsamen Blick darauf zu werfen, wie es in Franken aktuell um das Thema Barrierfreiheit in Franken bestellt ist.

Zum Auftakt berichtete Christian Müller (Accenture Digital) aus seiner umfangreichen praktischen Erfahrung bei der Umsetzung von barrierefreien digitalen Angeboten. Dabei ging es ihm nicht um die Vorstellung gesetzlichen Rahmenbedingungen, Verordnungen und Richtlinien, wie z.B.

  • Behindertengleichstellungsgesetz (BGG)
  • EN 301 549 „Accessibility requirements suitable for public procurement of ICT products and services in Europe“
  • EU-Richtlinie 2016/2102 über den barrierefreien Zugang zu den Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen
  • Web Content Accessibility Guidelines – WCAG
  • Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung – BITV 2.0
  • Gesetz zur Modernisierung des Vergaberechts (VergRModG)

Im Kern seines Vortrags ging es ihm darum, für eine breitere Sichtweise auf Barrierefreiheit zu werben. Barrieren gibt es nämlich nicht nur für die 80 Millionen Europäer mit Behinderungen. Auch Menschen mit temporären Einschränkungen, wie z.B. ein Gipsarm, zu hohe Sonneneinstrahlung auf dem Handy-Display, zu geringe Sprachkenntnisse oder ein zu schwacher Beamer in einem zu hellen Raum, erleben in ihrem Alltag Barrieren.

„Barrierefrei ist etwas, wenn es für alle Nutzer gleich zugänglich ist.“

Weiterhin erfordert die zunehmende Digitalisierung eine bessere Berücksichtigung von Anforderungen an die Barrierefreiheit. Die Vermischung von physischen Objekte und digitalen Dienste bietet viele neue Möglichkeiten neue Zielgruppen mit Einschränkungen besser in die digitale Welt zu integrieren.

„Die digitale und analoge Welt wächst immer mehr zusammen und sollte als Ganzes barrierefrei sein.“

Durch die Digitalisierung und die Berücksichtigung von Anforderungen an die Barrierefreiheit können sich Unternehmen völlig neue Zielgruppen erschließen, die heute Einschränkungen haben, die eine Verwendung des Angebotes der Unternehmen verhindern. Beispielsweise könnten autonome Fahrzeuge Blinden völlig neue Freiheitsgrade in Sachen Mobilität ermöglichen, wenn die Fahrzeuge von Anfang an barrierefrei gestaltet würden.

In seiner beruflichen Praxis erlebt Christian Müller heute noch zu wenige Unternehmen, die ihre Produkte und Angebote barrierefrei gestalten. Manche Unternehmen argumentieren beispielsweise:

  • „Barrierefreiheit ist zu komplex.“ oder „Die Kosten für barrierefreie Produkte sind zu hoch.“ oder „Das bekommen wir zeitlich nicht mehr in den Projektplan.“: Einige Unternehmen wissen nicht, was sie tun müssen. Es existiert ein gefährliches Halbwissen über Barrierefreiheit. Auch UX Designer wissen zu oft wenig darüber, wie sich schicke Webseiten gestalten lassen, die barrierefrei sind.
  • „Das ist nicht unsere Zielgruppe.“: Unternehmen ist nicht bewusst, dass Menschen mit Einschränkungen ihre Zielgruppe sein könnten.
  • „Was haben wir davon, wenn wir das machen?“: Barrierefreiheit wird in Europa meist sehr stark unter monetären Return-on-Investment-Überlegungen betrachtet.
  • „Wir müssen das nicht machen.“: Unternehmen fühlen sich gesetzlich nicht verpflichtet etwas zu für barrierefreie Produkte zu tun und sind sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht bewusst.

Aber es gibt auch gute Beispiele, wie z.B. Adobe, Smartphone-Hersteller wie Apple, blindsquare oder taptasee.

Für die Implementierung von Barrierefreiheit in den Entwicklungsprozess empfiehlt Christian Müller nach folgendem Muster vorzugehen:

  • Ziel festlegen: z.B. WCAG Konform sein … wichtig dabei: realistische und erreichbare Ziele setzen
  • Status Quo erheben
  • Roadmap für die Erreichung des Ziels definieren: Kleine Schritte machen
  • Aufbau einer Community of Practice im Unternehmen
  • Anforderungen für Zielgruppen mit Einschränkungen in das Requirement Engineering integrieren
  • Während der Entwicklung mit Design Reviews und Code Reviews die Berücksichtigung der Anforderungen an Barrierefreiheit sicherstellen
  • Nutzer mit Einschränkungen über den gesamten Entwicklungsprozess hinweg einbeziehen

Darüberhinaus empfiehlt er allen, die sich mit Barrierefreiheit beschäftigen wollen, einen Blick auf den Kurs „Web Accessibility“ von UDACITY (Google) zu werfen.

Nach dem Impulsvortrag von Christian diskutierten die über 40 Teilnehmer des UX Stammtisch Franken folgende Fragestellungen:

Christian, wie wird man zum Experten für Barrierfreiheit?

Da es aktuell noch keine richtige Ausbildung für Barrierfreiheitsexperten oder eine Zertifizierung gibt, ist hierbei sehr viel Eigeninitiative erforderlich. Die Disziplinen Usability bzw. User Experience bieten gute Ausgangskenntnisse dafür.

Welche Bedeutung hat das Thema in der täglichen Arbeit?

Einige Teilnehmer berichten davon, dass sie in ihrer täglichen Arbeit auf die Barrierfreiheit von Farben (Kontraste) und Schriften (Lesbarkeit, Skalierung) oder Tastaturbedienbarkeit Wert legen. Sie erachten dies als notwendig, da dadurch Einschränkungen adressiert werden können, wie z.B. Fehlsichtigkeiten oder eine schlechte Feinmotorik in den Händen, die mit zunehmenden Alter häufiger vorkommen.

Einige berichten davon, dass Barrierfreiheit in ihren Projekten gar keine Bedeutung hat. Barrierefreiheit lässt sich in der Praxis schlecht verkaufen. Es fehlen Business Cases, welche die Kosten und Aufwände für ROI-getriebene Manager rechtfertigen. Einzelne Teilnehmer haben in Projekten erlebt, dass Barrierefreiheit dann an Bedeutung gewinnt, wenn Führungskräfte des Unternehmens selbst von Einschränkungen betroffen sind.

Die Teilnehmer waren sich darin einig, dass das Thema Barrierfreiheit erst richtig an Bedeutung gewinnen wird, wenn der Gesetzgeber entsprechende Vorgaben macht.

„Barrierefreies Design wirkt oft klobig und nicht so ansprechend.“

Barrierefreiheit wird oft im Gegensatz zu einem ansprechenden visuellen oder interaktiven Design gesehen. Dabei müssen nicht alle Dinge, die Barrierefreiheit fördern, im Produkt sichtbar sein. (Einstellbare Farbschemata, technische Zugänglichkeit für Screenreader, alternative Bedienoberflächen) Grundsätzlich wird es als Herausforderung gesehen, die unterschiedlichen Bedürfnisse und Anforderungen im Sinne von „Design für alle“ abzuwägen und in eine gute Produktgestaltung zu überführen.

Barrierfreiheit als Wettbewerbsvorteil

Barrierefreiheit kann nach Ansicht der Teilnehmer zum Wettbewerbsvorteil werden. Wenn ein Unternehmen in einem Markt arbeitet, in dem nur sehr wenige Unternehmen die Anforderungen an Barrierefreiheit berücksichtigen, kann ein barrierefreies Angebot neue Zielgruppen erschließen. Wenn es gelingt Barrierefreiheit wie User Experience nicht nur als reine Pflicht, sondern als Wettbewerbsvorteil zu platzieren, kann es sich genauso in Unternehmen verankern lassen, wie die Disziplin User Experience selbst.

„Eine gute UX ist nicht einfach zu kopieren. Das ist auch ja mittlerweile auch in der Vorstandsetage angekommen.“

UX Designer sind in der Pflicht

Vielen UX Designer fehlen nach Ansicht der Teilnehmer aktuell noch das Wissen, die praktischen Erfahrungen und die Empathie für Barrierefreiheit. Eine Teilnehmerin brachte es so auf den Punkt:

„Ich habe noch nicht das Gefühl, dass der Kampf um gute Usability/UX zu Ende geführt ist und das Barrierefreiheit deshalb durch UX Designer nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt.“

Einige Teilnehmer, die sich in ihrer täglichen Arbeit mit Barrierfreiheit beschäftigen, berichteten davon, dass sich Barrierefreiheit und der Human-Centered-Design-Prozess eigentlich gut verbinden lassen. Dazu müssen allerdings die entsprechenden Testtools in „Greifweite“ und Kenntnisse verfügbar sein. Außerdem muss ein einfacher Zugang zur Zielgruppe geschaffen werden. Apropos „Zielgruppe“: Die teilweise fehlende Berücksichtigung von Barrierefreiheit in der Praxis der UX Designer könnte auch daran liegen, dass UX Designer lernen, dass die User Experience umso besser gestaltet werden kann, je spitzer die Zielgruppe ist … also mit Zielgruppen gearbeitet wird, die möglichst homogen sind. Die Berücksichtigung von zusätzlichen Anforderungen könnte in diesem Sinne als Gefahr für ein erfolgreiches Endergebnis gesehen werden.

„UX Designer müssen lernen Barrierefreiheit in ihrer normalen Arbeit zu berücksichtigen, ohne dabei den Fokus zu weit aufzumachen.“

Es sollte für UX Designer zum Berufsethos gehören, sich mit Barrierfreiheit zu beschäftigen und es bei ihrer tägliche Arbeit zu berücksichtigen. Ein Anfang könnte sein, nicht nur glückliche Super-Personas bei der Entwicklung zu berücksichtigen, sondern realistische Durchschnittspersonas mit den typischen Einschränkungen.

Und jetzt?

In unserer Gesellschaft steht ein ideales Menschenbild im Mittelpunkt – schön, sportlich, leistungsfähig. Einschränkungen werden zu oft einfach ausgeblendet. Aber können wir es uns leisten, Menschen von einer Erwerbstätigkeit auszuschließen, nur weil die Arbeitsmittel der digitalen Welt nicht barrierefrei sind?

„Wenn wir eine Webseite bauen würden, die für Frauen nicht zugänglich wäre, dann wäre aber die Hölle los wie Seuche. Frauen waren auch lange benachteiligt und es hat über 100 Jahre gedauert um das zu ändern. Haben wir den gleichen Kampf jetzt noch mal vor uns?“