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Status Quo und Potenziale von User Experience und Usability im Umfeld von betriebswirtschaftlicher Software und ERP #uux #erp #bitkom

Die BITKOM-Arbeitskreise Usability und User Experience sowie ERP haben sich heute in der DATEV in Nürnberg getroffen, um den Status Quo und die Potenziale von UX und Usability im Umfeld betriebswirtschaftlicher Software und ERP zu diskutieren. Ich habe für Euch wieder die wichtigsten Impulse aus den einzelnen Beiträgen zusammengefaßt:

ERP UX im Wandel der digitalen Transformation

Dirk Bingler (GUS Software) ging in diesem Beitrag auf die Veränderungen ein, die sich für ERP-Software durch die digitale Transformation ergeben. Die digitale Transformation bietet neben der Möglichkeit Bestehendes effizienter zu machen, auch das große Potential neue Geschäftsmodelle zu etablieren. Dies liegt vor allem darin, dass zukünftige alle Maschinen, Werkzeuge und Werkstücke und auch (fast) alle Produkte digital miteinander verbunden sind. Die dadurch entstehende Datenmenge ist eine gute Basis für ERP Systeme, um auf dieser Basis Empfehlungen zu geben oder eigenständig zu entscheiden. Außerdem wird der Zugang zu und die Interaktionen mit ERP-Systemen in Zukunft unabhängiger von einem einzelnen Gerät oder einer einzelnen Interaktionsform. Der transaktionsorientierte Ansatz von ERP-Systemen wird durch kollaborative Ansätze abgelöst. In diesem Arbeiten Menschen mit Menschen, Menschen mit Maschinen und Maschinen mit Maschinen zusammen, um Aufgaben zu bearbeiten.

Bei der Gestaltung ihrer Systeme stehen ERP-Hersteller vor der Herausforderung die gewachsene Komplexität der grafischen User Interfaces neu zu denken. Die weiter zunehmende Komplexität der Systeme muss sich zukünftig hinter einer einfachen Interaktion zwischen Mensch und Maschine verstecken. Die Interaktion erstreckt sich dabei über eine Vielzahl von User Interfaces und Touchpoints erstrecken.

Dr. Karsten Sontow (Trovarit) berichtete über die Ergebnisse der Trovarit-Studie „ERP in der Praxis 2016/2017“ (n=3.468). Diese zeigt, dass viele Anbieter von komplexer Software mit langen Innovationszyklen kämpfen. In der Regel dauert der Generationswechsel bei ERP-Systemen 16 Jahre. Die Erwartungshaltungen der Anwender von ERP-Systemen hinsichtlich User Experience entwickelt sich aktuell schneller, als die Hersteller ihre Systeme modernisieren können. Die Studie bestätigte, dass Ergonomie und Praktikabilität mittlerweile zu den TOP 5 Entscheidungskriterien für ERP-Systeme gehören. Interessant dabei: Je größer eine ERP-Installation (je mehr Anwender) umso schlechter wird die Ergonomie bewertet.

Daher zählen Usability & Mobility für ERP-Hersteller zu den bedeutendsten Handlungsfeldern, um in der digitalen Transformation bestehen zu können.

DATEV Design DNA – Entwicklung einer produktübergreifenden Designsprache

Birgit Stenzel (DATEV) sprach darüber, wie die DATEV den Herausforderungen der digitalen Transformationen in Sachen Produktgestaltung begegnet. Der wesentliche Aspekt bei der Designstrategie der DATEV ist die übergreifende Sichtweise über alle Kontaktpunkte. Das Erlebnis des Kunden muss an allen Touchpoints – von der Marke über das Produkt bis hin zu Service und Vertrieb – konsistent sein, damit eine solide Kundenbindung erhalten bleibt bzw. entstehen kann.

Die großen Herausforderungen bei der Produktgestaltung sind die vielen technische Plattformen, Technologien und Geräte für die eine Designsprache konsistent funktionieren muss. Außerdem brauchen Hersteller von Business-Software auf der einen Seite eine möglichst hohe Konsistenz innerhalb ihrer Produkte, damit der Lernaufwand auf Seiten der Anwender gering bleibt. Gleichzeitig erfordert die digitale Transformation aber auch Freiraum für Innovationen. Damit dieses Spannungsfeld

gut aufgelöst werden kann, ist es erforderlich, dass die Gestaltungskompetenz der Organisation so hoch ist, dass die Entwicklungsteams mit diesem Freiraum nutzenstiftend umgehen können. Daher strebt DATEV an, dass in jedem Entwicklungsteam neben den klassischen Entwickler-Rollen auch min. einen UX Designer arbeitet.

Die DATEV Designsprache basiert auf Designprinzipien. Diese Designprinzipien wurden mit dem mittleren Management entwickelt, damit die Designsprache sich zum einen an den Unternehmenszielen ausrichtet und zum anderen von Anfang an eine Akzeptanz der Designprinzipien gegeben ist.

„Früher haben wir versucht alles einheitlich zu gestalten. Heute stellen wir Usability bzw. Einfachheit über Einheitlichkeit.“

Weiterhin hat die DATEV klassischen Styleguides den Rücken zugewandt. Die alten Styleguides werden durch ein modernes Designsystem ersetzt. Dieses Designsystem ist eine Mischung aus wenigen gestalterischen Regeln, die Designern und Entwicklern mehr Freiraum bieten, sowie echtem Programmcode, der eine effiziente Entwicklung ermöglicht.

Um die Etablierung von UX in der DATEV zu fördern, organisieren sich die UX Designer in einer Community of Practice. Es gibt zwar noch ein kleines zentrales UX Team. Dieses bildet aber im Wesentlichen die Klammer über die gesamte Community.

Instant Usability – wie neue Bedienkonzepte klassische Softwareschulungen ablösen

Hartmut Hahn (Userlane) hat sich in seinem Beitrag damit beschäftigt, wie Software-Hersteller die Usability-Bewertung ihrer Produkte durch eine neue Form von Schulung bzw. ein Navigationssystem für ihre Software anheben können. Einfach verständliche Lösungen sind im Business-Softwarebereich nicht immer so einfach zu realisieren. Sei es, dass sich Anwender so sehr an eingefahrene Legacy-Prozesse gewöhnt haben, dass sie keine Änderungen akzeptieren oder, dass dem Unternehmen schlicht die Ressourcen für gute User Experience fehlen.

„Am Ende ist Schulung immer eine Behelfslösung für Usability.“

Userlane hat sich auf die Fahne geschrieben, durch eine zusätzliche Benutzerführung bzw. -schulung direkt in der Software, den Anwendern bei der Bedienung zu helfen und komplexe Systeme nutzbarer zu machen. Software-Hersteller, die sich gute UX nicht leisten können oder wollen, können ihre Systeme durch einen Art externes Navigationssystem ergänzen, welches ihre Anwender durch ihr komplexes Angebot führt. Spannend werden solche Systeme aus meiner Sicht, wenn Anwender vom Navigationssystem nicht durch das komplexe System geführt werden, sondern wenn diese Navigationssystem nur noch die paar Fragen stellt, die das komplexe ERP-System im Hintergrund benötigt, um die Aufgabe für den Nutzer erledigen zu können. Also wen das „Navi“ den Anwender „beamt“ anstatt jeden Weg entlang zu führen.

Agile und trotzdem kreativ? Pragmatische UX in Prozessen verankern.

Dr. Ronald Hartwig (untrouble) beschrieb in seinem amüsanten Vortrag was er in agilen Entwicklungsprozessen erlebt hat, wenn es darum geht, eine gute User Experience zu erreichen.

User Experience ist das Große und Ganze … der gesamte Erfolg.

Er ging dabei insbesondere auf die Aspekte für die Integration von UX im Entwicklungsprozess ein, die meist nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von UX-Experten stehen, wie z.B. Stakeholderinteressen, interne Politik, Beharrungskräfte oder Gruppendynamiken. Zur Veranschaulichung nutzte er die Entwicklung eines digitalen Beratungswerkzeuges für Rehabilitation als Beispiel. Das bestehende System ist ein, in die Jahre gekommener Software-Monolith, der in einem agilen Prozess weiterentwickelt wird.

Er ging dann auf die Fallstricke der agilen Entwicklung aus UX-Sicht ein. Agile Entwicklung setzt auf eine wiederholte enge Einbindung von Anwendern. Dies birgt z.B. die Gefahr, dass verfälschte Erkenntnisse von Nutzern in die Entwicklung gelangen, wenn wiederholt die gleichen Anwender einbezogen werden. Mit der Zeit „Verschleißen“ Anwender und nähern sich zu sehr an das Entwicklungsteam an. Die Entwicklung einer Produktvision ist im agilen Prozess in der Regel nicht enthalten. Diese ist aber wichtig, damit alle wissen, in welche Richtung es gehen soll. Außerdem berücksichtigt der agile Entwicklungsprozess bestimmte Eigenheiten im menschlichen Zusammenarbeit nicht ausreichend, wie persönliche Interessen oder Zielkonflikte.

Fazit: Agile Entwicklung ist ein guter Schritt in Richtung UX, allerdings beinhaltet der agile Entwicklungsprozess einige Fallstricke. Agile Entwicklung ist daher kein Garant für gute UX. Um die Vorteile agiler Entwicklung nutzen zu können und gleichzeitig ein erstklassiges Nutzungserlebnis zu erreichen, muss das Zusammenspiel von UX und Entwicklung im Entwicklungsprozess explizit betrachtet und optimiert werden. Manchmal braucht es im agilen iterativen Prozess einen Mini-Wasserfall um am Ende ein gutes Erlebnis bieten zu können. Er empfiehlt dazu einen Blick in den Lean UX-Ansatz von SAP.

Unternehmen, die Customer Experience in den Mittelpunkt ihrer Strategie stellen, sind erfolgreicher als Unternehmen, die das nicht tun. (Watermark Consulting)

User Experience – Wie wecken wir Empathie für den Nutzer?

Aus dem Vortrag von Robert Innes (advantegy) nehme ich mir zwei schöne Zitate mit:

Usability ist ein Muss, User Experience schafft Erfolge.

Gute Usability spart Zeit und Mühe, aber die produktivsten Menschen haben Spaß an Ihrer Arbeit.

Nächste wichtige Termine in AK UUX, AK ERP und BITKOM

  • AK ERP: Nächstes Treffen am 23.11. in Köln „Workshop: Digitale Plattformen und ERP“
  • AK UUX: Nächstes Treffen findet im Jan/Feb statt, wird unter www.bitkom.org/Termine/ veröffentlicht
  • AK Software Engineering: Treffen am 10.10. in Frankfurt zu „Design Thinking hautnah“
  • BITKOM: 28.11. hub conference in Berlin

#bldwin: Windows 8.1 in the enterprise

Windows 8 hat bisher nur sehr zögerlich Einzug bei Unternehmen gehalten. Windows 8 wird teilweise immer noch eher als Betriebssystem für den Privatbereich und nicht als ernstzunehmende Arbeitsumgebung gesehen. Um diese Sichtweise zu ändern, gab John Vintzel (Senior Program Manager bei Microsoft) in seinem Vortrag einen Überblick über die neuen Funktionen für Unternehmen. Diese waren beispielsweise:

Für den Unternehmenseinsatz wurde Windows 8.1 so verändert, dass nicht mehr der Modern UI bzw. Metro-Teil sondern wahlweise der Desktop-Teil im Vordergrund stehen kann. Wenn man keine Modern UI Apps nutzen möchte, wird man auch nicht mehr in diesen Teil von Windows 8.1 gezwungen und kann im Desktop-Teil bleiben.

In Windows 8.1 wurden Verbesserungen hinsichtlich Energieverbrauch und Stabiliät bzw. Zuverlässigkeit vorgenommen.

Remote Desktop wurde so erweitert, dass unter Windows 8.1 auch einzelne Applikationen über diesen Weg verfügbar gemacht werden können, beispielsweise um Desktop-Anwendungen auf Windows RT zugänglich zu machen. Außerdem unterstützt der Remote Desktop mit Windows 8.1 nun auch Toucheingaben vollständig.

Außerdem bringt Windows 8.1 einige Verbesserungen hinsichtlich eingebautem VPN, dem sicheren Umgang mit Arbeitsdateien (Selective Wipe), eingebauten biometrischen Sicherheitsfunktionen (Fingerprint), virtuellen Smart Cards und der Zusammenarbeit zwischen mehreren Anwendern sowie mehreren Geräten mit.

Touchbedienung im Arbeitsalltag

Die großen Technologieunternehmen dieser Welt preisen Touch ja als die Zukunft des User Interface Design.

A screen without touch is a broken screen in a few years. – Jensen Harris (Director of Program Management User Experience, Microsoft), 2011

Die aktuellen Verkaufszahlen von Tablets und Smartphones sowie die Prognosen der Analysten geben ihnen dabei recht. Beispielsweise erwartet Gartner in 2013 einen Anstieg der Tablet-Verkäufe um 69,8 % und geht davon aus, dass in 2016 mehr Tablets als PCs abgesetzt werden.
Bis vor einiger Zeit wurden diese Geräte mehrheitlich im privaten Bereich genutzt. Im April veröffentlichte die BITKOM dann eine Studie (n=854) nach der bereits 34% der Unternehmen in Deutschland Tablets einsetzen. Die Interaktion mittels Fingern kommt also so langsam auch in den deutschen Unternehmen an.
Damit war es nun für mich an der Zeit die Bedienung mittels Touch im beruflichen Alltag auszuprobieren. Ich habe also kurzer Hand mein geliebtes Arbeitsgerät, ein klassischer kleiner Businesslaptop, durch einen Windows 8 All-In-One PC mit einem 27″ Touchmonitor namens Lenovo Ideacentre ersetzt. (Schön, wenn man einen innovativen Arbeitgeber wie die DATEV hat, der so etwas mitmacht 🙂

Quelle: Lenovo

Ich hatte mir vorgenommen von dem Tag an, ab dem dieser schicke Rechner meinen Arbeitsplatz schmückt, nur noch mit Finger und Tastatur zu arbeiten. Ich wollte sehen, ob sich bei dieser Arbeitsweise körperliche Probleme bemerkbar machen und ob ich mit Touch genauso produktiv arbeiten kann wie mit der Maus – so die Idee.
Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass mir dann schon ein wenig mulmig zu Mute war, als das schicke Lenovo Ideacentre auf meinem Arbeitsplatz stand. Immerhin durften die geschäftlichen Aufgaben durch mein Experiment nicht behindert werden. Zu diesen gehören neben Führungs- und Kommunikationsaufgaben auch gestalterische sowie konzeptionelle Tätigkeiten.
Aber mal zu den Ergebnissen im Detail:

Das Körperliche

Ich konnte bis heute keine wesentlichen körperlichen Beeinträchtigungen feststellen, was aber auch daran liegt, dass sich das Ideacentre so auf dem Arbeitsplatz positionieren lässt, dass man bequem den Ellenbogen auflegen kann bzw. sich am Rand des Screens festhalten kann. Die Interaktion ist dann ähnlich bequem, wie mit der Maus bei der der Unterarm auf dem Tisch aufliegt.

Bei der Oberflächengestaltung von Touch UIs sollten meiner Erfahrung nach zwei neue Körperhaltungen betrachtet werden: die „Hand hält sich am Rand fest und navigiert“- und die „Stützt den Ellenbogen auf und zeichnet bzw. navigiert“-Haltung. Diese führen zu einer Verschiebung der wichtigen Interaktions-Hotspots auf der Bedienoberfläche.
Auch die Außentemperatur spielt in Abhängigkeit vom Hauttyp bei der Interaktion mit den Fingern eine Rolle: je wärmer, umso öfter feuchte Hände, umso schneller bekommt das Display Schmierstreifen und umso schneller wird die Sicht leicht eingetrübt. Hier hilft dann nur eine Packung günstiges Microfasertuch aus der Drogerie.

Interaktion mit Businessanwendungen im Legacy-Teil von Windows 8

Um Touch richtig nutzen zu können, habe ich das Ideacentre natürlich mit Windows 8 verwendet. Leider ist es aktuell immer noch so, dass nahezu alle klassischen Businessanwendungen nur im Legacy-Teil von Windows 8 verfügbar sind und nur in geringem Maße auf Touch ausgerichtet sind. In der Praxis stolpert man dann über Probleme wie:

  • Das Markieren von Text geht nur unvollständig bzw. wortweise oder gar nicht.
  • Das Vergrößern und Verkleinern von Fenstern ist schwierig, da die aktive Fläche am Fensterrahmen für meine Finger zu klein ist.
  • Drag & Drop ist auf einer großen Touchinteraktionsfläche nicht wirklich sinnvoll nutzbar, weil sowohl Finger als auch Stift bei schneller Bewegung vom Display stellenweise nicht erkannt werden. Das kann dann schon mal dazu führen, dass man Dateien im falschen Ordner fallen lässt oder dass die Win8-Geste zum Schliessen von Anwendungen mehrfach nicht erkannt wird. Verschlimmert wird diese Situation dann dadurch, dass man das mausoptimierte Systemfeedback (veränderter Mauszeiger) mit dem Finger verdeckt und dann nicht erkennen kann, ob man das Objekt gerade am Finger hat oder nicht.
  • Einige Anwendungen verwenden zur Anzeige von Informationen scrollbare Fensterbereiche in denen verschiebbare Objekte angezeigt werden (z.B. Outlook). Mit der Maus ist das unproblematisch, da der Klick auf dem Objekt zum Verschieben und das Scrollrad der Maus zum Scrollen verwendet wird. Da mein Finger weder klickt noch ein Scrollrad hat, kann ich diese Anwendungen nur sehr schwer mit dem Finger bedienen
  • Bedienelemente, bei denen das Mouseover-Event einen wesentlichen Anteil des Verhaltens ausmacht, sind einfach nicht bedienbar. Beispielsweise sind die im Web beliebten Menüs, die sich auf Mouseover öffnen und man dann mit dem Mauszeiger innerhalb des aufgeklappten Menüs einen Unterpunkt auswählt mit dem Finger nicht nutzbar.
  • Der Metro-Teil von Windows 8 ist für kleine Touchscreens gemacht. Auf großen Bildschirmen werden die Schriften so groß, dass sie bei einem normalen Auge-Monitor-Abstand von 50-80 cm schlecht lesbar sind.

Zu meinen Interaktionserfahrungen ist noch anzumerken, dass das Verhältnis von Displaygröße und Auflösung bei meinem Testgerät sehr gut gewählt ist und dadurch im Legacy-Teil von Windows 8 Schriften sowie Abstände „touch-freundlich“ dargestellt werden.

Zusammenspiel zwischen Finger und Tastatur

Finger und Tastatur ergänzen sich grundsätzlich prima. Da der Weg mit dem Finger von der Tastatur zum Bedienelement gefühlt zwar kürzer, aber auch etwas anstrengender ist, als der Weg mit der Hand von der Tastatur zur Maus und dann mit der Maus zum Bedienelement, bekommt die Tastatursteuerung eine höhere Bedeutung.
Meine gefühlte Toleranz gegenüber Eingabefehlern ist bei der Eingabe mittels Finger deutlich geringer als mit der Maus – heißt: was nicht gleich mit dem Finger bedienbar ist nervt schneller als bei der Maus. Das bedeutet, dass man sich bei der Oberflächengestaltung intensiv um Tastenkürzeln, Tab-Verkettungen und eine sinnvolle Steuerung des Fokus auf den Bedienelementen kümmern muss.

Reaktionszeit und Systemfeedback

Reaktionszeit und Systemfeedback bekommen bei Touchinteraktionen eine deutlich höhere Bedeutung. Dies ist vor allem dann besonders wichtig, wenn man auf Systemen arbeitet, die nicht zu 100% touchfähig sind. Ist die Reaktionsszeit zu lang, kommt Unsicherheit auf, ob das Gerät meine Toucheingabe nicht erkannt hat, ich daneben „getoucht“ habe oder die Software mit meinem „Touch“ nichts anfangen kann. In der Regel ist das Ergebnis das Gleiche: man „toucht“ mehrfach auf das Bedienelement.

Fazit

Ich glaube auch, dass die Bedienung mittels Finger und Stift eine richtig große Sache ist bzw. wird. Allerdings sind die meisten Anwendungen noch nicht wirklich gut auf diese Form der Interaktion ausgerichtet. Im Großen und Ganzen kann man die meisten Anwendungen erstaunlich gut mit dem Finger bedienen. Die zahlreichen kleinen Unwägbarkeiten des Betriebssystems und der Anwendungen führten jedoch dazu, dass ich relativ schnell immer wieder zur Maus gegriffen habe. Nicht etwa weil Touch körperlich zu anstrengend war, sondern weil die die Anwendung meine Fingereingaben entweder komplett ignoriert hat bzw. ich mit dem Finger einige Eingaben mehrfach wiederholen bzw. korrigieren musste, bis sie richtig waren.
Außerdem fehlt meinem Lenovo Ideacentre die entscheidende Fähigkeit präzise auf Stifteingaben zu reagieren. Ich habe drei unterschiedliche Stifte probiert (Wacom Bamboo, Adonit Jot Pro und einen billigen iPad-Stift). Das Display ist aber dafür einfach nicht ausgelegt. Es ist nicht möglich saubere Linien zu zeichnen. Die Kombination von Finger, Stift und Tastatur ist aber genau die, die ein sinnvolles Arbeiten im Businessbereich ermöglicht. Diese vereint das Beste aus digitaler und analoger Welt. Für mich fühlte sich die Interaktion mittels Finger und Stift trotz der Einschränkungen so an, als ob ich damit deutlich freier und kreativer arbeiten kann, als mit der Maus. Schade nur, dass das noch nicht alle Hardwarehersteller erkannt haben.
Anders als angenommen, hält sich die körperliche Belastung bei der Bedienung mittels Finger bei geeigneter Anordnung von Tastatur und Bildschirm sehr in Grenzen. Einzig der gefühlt längere und etwas kraftintensivere Weg von der Tastatur zum Bedienelement macht einen spürbaren Unterschied.
Wenn wir es also schaffen Stift und Finger sinnvoll zu kombinieren, die neuen Körperhaltungen bei der Gestaltung zu berücksichtigen, unsere Anwendungen durchgängig auf Fingereingaben reagieren und vollständig per Tastatur bedienbar sind, steht einem kreativeren digitalen Arbeiten auch im Businessbereich nichts im Weg.

Siehe auch

BITKOM: Tablet Computer drängen in die Berufswelt

bldw: Building Windows 8 Line-of-Business Apps

Kushal Shah hat in seinem Vortrag über die Möglichkeiten der Gestaltung und Auslieferung von Line-of-Business (LOB) Apps für Windows 8 gesprochen.

Yes, Line-of-Business Apps can be Windows Store Apps.

Grundsätzlich gibt es zwei Verfahren für die Auslieferung von Business-Apps: Windows Store oder Sideloading. Im Gegensatz zum Windows Store muss sich beim Sideloading der Anbieter um die Auslieferungsinfrastruktur kümmern. Dafür bietet Microsoft Management-Tools an, z.B. SSP – Self-Service Portal. Außerdem müssen Apps beim Sideloading nicht durch den App-Zertifizierungsprozess von Microsoft laufen – was einen flexibleren Umgang mit den Designrichtlinien von Microsoft ermöglicht.
Für Microsoft ist das Sideloading das präferierte Verfahren für die Verteilung von interne Enterprise-Anwendungen. Vom Installationserlebnis her ist die Installation über SSP vergleichbar mit dem Windows Store.
Dass Windows Store Apps – und insbesondere der damit verbunden Metro Style – auch für Business-Apps geeignet ist, hat er an mehren Beispielen u.a. von SAP und Citrix eindrucksvoll gezeigt. Darunter eine CRM-App von SAP:

Nebenbei: SAP startet mit 6 Windows Store Apps.
Aktuell sieht Kushal Shah nachfolgende Anwendungsbereiche die von den neuen Eingabemethoden und Formfaktoren in Verbindung mit Metro Style Apps profitieren können: Verkaufs- und Vertriebssysteme, Produktkataloge, Workflow Management, Dashboards und Monitoring Software.
Mein Fazit zu dieser Session: Ja, Metro ist – mit den notwendigen gestalterischen Fähigkeiten – auch für Business-Apps geeignet. Im Gegensatz zum letzten Jahr scheint Microsoft dieses Jahr die Entwickler von Business-Apps davon überzeugen zu wollen, ihre klassischen Desktop-Anwendungen durch schicke Metro Style-Apps für bestimmte Anwendungsfälle erst zu ergänzen und schließlich zu ersetzen.

MuC-UP12: Die Brücke zwischen Anforderungen und Design schlagen

Diana Löffler und Jörn Hurtienne haben in ihrem Vortrag gezeigt, wie sich mit Hilfe von Image-Schemata Gestaltungsentscheidungen treffen lassen.

Image-Schemata sind im Unbewussten angesiedelte wiederkehrende Erfahrungen, die sehr verdichtet sind.

Ein Beispiel für ein Image-Schema ist „Up-Down“. Dies basiert auf unseren Erfahrung mit der Schwerkraft. Dadurch erleben wir den Unterschied von oben sowie unten und übertragen dies auf z.B. auf Interaktionen und Bedienoberflächen.
Die Referenten haben Studien zur Anwendbarkeit von Image-Schemata in unterschiedlichen Fachdomainen, z.B. Heizung oder Business-Software, durchgeführt. Dabei haben sie auf Basis von Listen mit Image-Schemata Interviews durchgeführt, das sprachliche Feedback der Testpersonen den Image-Schemata zugeordnet und nach Zusammenhängen gesucht. Beispiel:

Warm is Up. Cold is Down

Eine Liste von Image Schemata findet sich bei Wikipedia.
Auf Basis dieser Zusammenhänge wurde eine Heizungssteuerung überarbeitet und mit der herkömmlichen Version verglichen. Fazit: die Variante auf Basis der Image-Schemata gewann in allen Ergonomie-Dimensionen (z.B. Effizienz, Effektivität)
Image-Schemata werden im Rahmen der Anforderungsanalyse abgeglichen und bilden Leitlinien für die Konzeption.
Mein Fazit: Image-Schemata orientieren sich an Redewendungen und Erfahrungen aus der realen Welt. Daher sind sie meiner Meinung nach nur in Abhängigkeit vom Sprachraum anwendbar. Aus meiner Sicht beschreiben sie das theoretische Gestaltungswissen, was z.B. in den Gestaltgesetze festgehalten wurde, sowie das Erfahrungswissen von erfahrenen UI Designern. Der vorgestellte Prozess ist einen Ansatz dieses Wissen auch für Nicht-Designer nutzbar zu machen.

mcbw: Kommunikation zwischen Design und Technik

Auf der Decoded@mcbw (Munich Creative Business Week) haben Kalle Kormann-Philipson und Stephan Micklitz von Google über die Kommunikation zwischen UX Designer und Programmierer gesprochen.
Ausgehend von der Erkenntnis, dass Designer und Techniker eigentlich das gleiche Problem haben – nämlich im Softwareentwicklungsprozess an den entscheidenden Stellen Einfluss nehmen zu können – sehen sie den Königsweg darin, dass UX Design und Technik stärker zusammenrücken müssen.

Beide Disziplinen sind ein Team.

Damit das funktionieren kann, muss dies ihrer Sicht vom Entwicklungsvorgehen her so vorgesehen und vom Produktverantwortlichen so gewollt werden. Aus ihrer Erfahrung funktioniert die Zusammenarbeit am besten, wenn Designer und Entwickler von Anfang an zusammenarbeiten. Dazu haben sie 6 Grundregeln für die Zusammenarbeit zusammengetragen:
* Gemeinsam durch den Design Prozess gehen: Techniker und UX Designer sollten beispielsweise gemeinsam Anforderungsanalyse und Evaluation (User Research) durchführen. Die wiederholte Zusammenarbeit fördert das gegenseitige Verständnis und führt am Ende zu einem besseren Produkt.
* Gemeinsame Sprache: UX Designer und Techniker müssen sich auch sprachlich annähern. In der Praxis bedeutet das, dass sich UX Designer und Techniker gegenseitig Fachbegriffe lieber einmal mehr erklären sollten und soweit wie möglich auf Anglizismen sowie Fachbegriffe verzichten sollten.
* Konstruktive Kritik: Beide Seiten sollten selbst konstruktive Kritik üben und mit der Kritik des anderen konstruktiv umgehen.
* Respekt: Grundvoraussetzung für konstruktive Kritik und eine gute Zusammenarbeit ist eine gegenseitige Wertschätzung sowie ein Respekt vor der Arbeit des anderen. Der erste Schritt dafür ist anzuerkennen, dass keiner von beiden in der Disziplin des anderen perfekt ist.
* Kompromissbereitschaft:Nur eine gemeinsame Definition des Ziels führt zu innovativen Ideen und Umsetzungen. Die Kompromissbildung sollte dabei zwischen Technikern, Designern und Produktverantwortlichen getroffen werden.
* Nähe: Kurze Wege, der persönliche Kontakt und ein schneller Austausch zwischen Technik und Design sind essentiell.
Auf Basis ihrer Erfahrung geben sie Designern folgende Tipps auf den Weg:
* Erkläre Deine Gestaltung, Gedanken und Beweggründe.
* Kenne die benutzten Technologien.
* Durchdenke alles bis ins Detail. (beispielsweise auch bis hin zu Fehlermöglichkeiten)
* Kommuniziere mit der Technik so oft wie möglich.
Techniker sollten folgende Tipps für eine gute Zusammenarbeit beachten:
* Vereinfache Erklärungen
* Kommuniziere ob etwas umsetzbar ist.
* Beachte die Details einer Gestaltung.
* Lerne Gestaltungsprinzipien.

Siehe auch

MCBW

Ergebnis: Nutzung von Audio in deutschen Büro

37 verwertbare Rückmeldungen in 3 Tagen – echt großartig. Vielen Dank an alle, die den Fragebogen ausgefüllt haben.
Hier sind nun die Ergebnisse der Online-Befragung zur Nutzung von Audio in deutschen Büros:

Fazit

Auf Basis der Erkenntnisse kann folgende These abgeleitet werden:
Für die Ausgestaltung der Bedienoberflächen von Business-Software sind Klänge und Töne nur eingeschränkt sinnvoll.
Lautsprecher sind zwar in vielen Büros vorhanden. Systemklänge, die beispielsweise einen Status oder eine Aktion „untermalen“, werden aber trotzdem von den meisten Anwendern nicht gehört, da die Lautsprecher abgeschaltet sind. Weiterhin stören Systemklänge diejenigen Anwender, die bei der Interaktion mit Business-Software gleichzeitig Musik oder Radio hören.
Die Verwendung von Audio im Büro ist eine bewusste Entscheidung. Lautsprecher bzw. Kopfhörer, werden nur bei Bedarf verwendet. Klänge und Töne werden im Büro als störend empfunden, wenn sie nicht selbstverursacht sind oder zum eigenen Geschmack bzw. Stimmungslage passen. Hauptgrund ist die Ablenkung, die Klänge und Töne verursachen.
Klänge und Töne sind daher nur dann sinnvoll, wenn ihr Vorhandensein in einer Interaktionssituation offensichtlich ist und sie einen deutlichen Nutzwert habe, z.B. bei Videos, Präsentationen oder Lernanwendungen. Es sollte klar kommuniziert werden, dass in einer bestimmten Interaktionssituation Klänge und Töne vorhanden sind und welchen Nutzwert sie haben, damit die Anwender ihre Lautsprecher einschalten bzw. Kopfhörer aufsetzen.
Nachtrag: Ich habe gesehen, dass noch einige von Euch den Fragebogen ausgefüllt haben. Ich werde daher noch ein paar Tage warten und dann die Präsentation mit den neuen Feedbacks aktualisieren. Also: Ruhig den Fragebogen noch ausfüllen 🙂

Siehe auch

Slideshare: Nutzung von Audio in deutschen Büros
Fragebogen