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CHI 2008: Mein Fazit

So, nun ist die CHI 2008 zu Ende. Ein bisschen schade ist es schon. Es gab nicht nur sehr interessante Vorträge zu sehen, die zu einem großen Teil auch praxisrelevante Erkenntnisse gebracht haben. Am meisten habe ich den Austausch mit den Fachkollegen genossen – sowohl zwischen den Sessions als auch an den Abenden ;-). Da war es dann auch nicht so schlimm, wenn mal ein Vortrag dabei war, in dem mit einem riesigen Forschungsaufwand Annahmen bewiesen wurden, die mit gesundem Menschenverstand auch beantwortbar gewesen wären.
Der Veranstaltungsort war gut gewählt. Er lag so zentrumsnah, dass ich es sogar geschafft habe etwas von Florenz zu sehen. Florenz ist wirklich toll – insbesondere am Abend. Es wird ganz sicher nicht mein letzter Besuch gewesen sein 🙂
Leider gab es auch ein paar Kritikpunkte. Insbesondere die mangelnde Anzahl von Steckdosen hat dazugeführt, dass sich auf den Fußböden rund um die wenigen Steckdosen dichte Haufen von Laptopnutzern bildeten. Außerdem umkreisten noch einige Unglücklichen ohne Stromanschluss begierig diese Haufen, um sich dann blitzartig im Sturzflug auf die Steckdosenleiste zu stürzen sobald eine Steckdose frei wurde. Naja und das WLAN war auch nicht wirklich auf so viele Laptops ausgelegt.
Aber genug gemeckert. Insgesamt war es großartig und ich freue mich schon aufs nächste Jahr.


Eindrücke von der CHI2008

CHI 2008: Branding the Feel, Applying Standards to Enable a Uniform User Experience

Sehr sehr spannend fand ich die Diskussionsrunde mit Everett McKay (Microsoft), Ty Lettau (Adobe), Jonathan Arnowitz (Google) und Michael Arent (SAP) zum Thema User Interface (UI)/User Experience (UX) Standards.
Im ersten Teil der Diskussionsrunden hatte jeder der vier Referenten die Gelegenheit die Rolle und die Implementierung von UI Richtlinien in seinem Unternehmen vorzustellen. McKay (Microsoft) sprach hier über die (fast) neuen Vista UX Guidelines, die er als inoffzielle Richtlinie für die Interaktionsgestaltung aller Microsoft-Produkte vorstellte. Für Microsoft sind die Vista UX Guidelines aber keine starren Regeln, sondern sollen in einem gewissen Rahmen Raum für Kreativität lassen. Aus seiner Sicht sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren für eine erfolgreiche Implemenierung von UI Richtlinien:
* Erfolgreiche UI Richtlinien erfordern langfristiges Engagement.
* Die Autoren eines Styleguides sollten in erster Linie keine externen Dienstleister sondern Beteiligte sein, die den Styleguide auch nutzen müssen.
* Die Richtlinien sollten einfach anzuwenden sein.
* Das Schreiben von UI Richtlinien macht nur ein Drittel des Aufwandes aus. Der Rest muss in Einführung und Implementierung investiert werden.
Lettau stellte Adobes Ansatz für eine gute User Experience vor. Adobe setzt dabei auf ein zentrales Designteam und UI Patterns (wiederverwendbare Design- oder Programmelemente). Die UI Richtlinien sind so implementiert, dass sie für den Entwickler und den Gestalter den einfachsten Weg zur Erstellung einer Oberfläche darstellen. Weiterhin entwickelt Adobe die UI Richtlinien ähnlich anwenderorientiert wie die Produkte selbst. Besonders Augenmerk richtet Adobe auf eine optimale Zusammenarbeit zwischen Designer und Entwickler.
Arnowitz (Google) stellte den Google UI Standard vor. Basis aller UI Richtlinien bildet die Google User Experience Vision:


* Making the worlds information accessible for everyone
* Focus on the user and everything else will follow
* Do no evil
* Grass roots organisation

Bei Google bestehen die UI Richtlinien aus der UX Vision, verschiedenen Regeln, UI Patterns, einem UI Framework und UI Elementen. Dokumentiert werden darin die Dinge, die für die Marke Google wichtig sind und die die Produkte einzigartig machen. Alle markenrelevanten Regeln in den UI Richtlinien sind nicht diskutierbar – auch wenn es aus Usability-Sicht Einwände gibt, wie z.B. die typische Google Paginierung am Ende jeder Seite. Alle anderen Dinge werden als eine Art Werkzeugbox verstanden und kommuniziert. Die Entwickler bzw. Gestalter haben die Möglichkeit die UI Richtlinien zu ignorieren, wenn es darum geht Innovationen zu entwickeln.
Arent (SAP) stellte die Ideen von SAP beim Einsatz von UI Richtlinien vor. SAP beschäftigt ein Team von 12 Leuten, die sich ausschließlich um die UI Richtlinien kümmern. Dabei sind die Hauptaufgaben:
* Definieren, gestalten, spezifizieren und testen von UI building blocks (UIBBs), Patterns, Bedienelemente, Patternhierarchien
* Entwickeln, verwalten and kommunizieren der UIBBs in form von UI Richtlinien
* Sicherstellen, dass UIBBs leicht angewendet werden können und auch eingesetzt werden
Ziel der UI Richtlinien von SAP ist es, dass sie unabhängig von den darunterliegenden Technologien funktionieren.
In der anschließenden Diskussion wurde dann sehr intensiv diskutiert, wie viel Freiraum UI Richtlinien bei der Entwicklung von Bedienoberflächen geben dürfen. Kurz zusammengefasst gab es zwei Lager: SAP und Microsoft waren eher für weniger kreativen Freiraum und Adobe sowie Google plädierten eher für mehr kreativen Freiraum.
Zusammengefasst ergeben sich für mich folgende Aussagen:
* UI Richtlinien müssen zwingend technische implementiert sein, damit sie erfolgreich angewendet werden.
* UI Richtlinien müssen intensiv intern beworben und kommuniziert werden.
* Es sollte nicht alles standardisiert werden, um Freiraum für Innovationen zu lassen. Wie viel Freiraum möglich ist, hängt offensichtlich von der Organisationsform und Ausrichtung des Unternehmens ab.
* UI Richtlinien müssen verlässlich sein.

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CHI 2008

CHI 2008: Requirements Gathering with Diverse User Groups and Stakeholders

Wie lassen sich Anforderungen sammeln und vermitteln? Diese Frage stellten sich Maggie Morgan, Marilyn McGee-Lennon, Nick Hine, John Arnott, Chris Martin, Julia Clark und Maria Wolters von der University of Stirling (UK).
Unterhaltsamerweise wählten sie für die Beantwortung einen ungewöhnlichen aber sehr effektiven Weg … sie ließen professionelle Schauspieler in die Rolle von Personas schlüpfen und Anwendungsszenarien erzählen. Im vorgeführten Beispiel ging es um ein älteres Ehepaar, welches digitale Geräte aus dem Bereich Homecare einsetzte und damit so seine liebe Mühe hatte.
Grundidee dieser Vorgehensweise ist, dass die Zuschauer (im realen Leben: Produktverantwortliche, Entwickler, Gestalter, Manager) die Anwendungsszenarien hautnah erleben können und im Anschluss an die Vorführung die Personas befragen können.
Das Drehbuch für die Vorführung wurde mit Hilfe von Interviews, Feldstudien und andere Methoden zur Analyse des Nutzungskontextes und Anwendungsszenarien erstellt. Auch hier wurde die Erstellung von einem/r erfahrenen Drehbuchautor/in übernommen.
Fazit: ein amüsanter und lehrreicher Weg um Anforderungen zu sammeln und zu kommunizieren, der bei den Zuschauern so manches Aha-Erlebnis hervorruft.

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CHI 2008

CHI 2008: If You Build It, They Will Come

Ann Hsieh, Nerija Titus, Todd Hausmn, Jen Miller und John Boyd von Yahoo haben die Ergebnisse einer 6-Länder-Studie mit 70 Probanden vorgestellt. Ziel der Studie war es, die Nutzung von Mobiltelefonen zu untersuchen. Dazu haben sie sowohl Interviews als auch Tagebücher eingesetzt.
Hier ein paar interessante Details:
* Die Internetgeschwindigkeit bzw. das was unter Breitband verstanden wird, ist international sehr unterschiedlich. Beispielsweise bedeutet Breitband in Indien 256kB/s und in den USA 1.9 MB/s.
* In Indien haben 46% der Menschen einen Internetzugang. In Vietnam sind es 61%.
* In Südkorea nutzen 43,8% der Handy-Nutzer ihr Mobiltelefon zum Surfen.
* In Indien ist Mobiltelefon das größte Statussymbol der Männer.
* In Indien werden Handys als Computerersatz verwendet, da sie deutlich billiger sind.

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CHI 2008

CHI 2008: End-user Interaction Design for co-located design

Neben den normalen Vortragssessions gab es auf der diesjährigen CHI noch ein sehr schönes Format namens „Design Theater“. In diesem Format hatten die meisten Vorträge eher einen Performancecharakter. Das bot zum einen eine schöne Abwechslung zu den herkömmlichen Frontal-Vorträgen und hatte anderen meist einen sehr hohen Unterhaltungswert.
In diesem Beitrag ging es darum die Kommunikationsschwierigkeiten in hierarchisch organisierten und interdisziplinären Teams an einem medizinischen Beispiel erfahrbar zu machen. Das eigentliche Ziel war es, Anforderungen für eine elektronische Patientenakte zu sammeln. Da gerade im Gesundheitswesen sehr viele Informationen aus unterschiedlichen Quellen kommen und für deren Interpretation oft Experten notwendig sind, spielt dafür die Kommunikation eine große Rolle.
Um nun zu veranschaulichen, welche Kommunikationsprobleme in diesem Kontext auftreten, wurden aus den Zuschauern einige Gruppen von je 6 Personen zusammengestellt. Jede Gruppe musste sich dann in einer gerade Linie aufstellen d.h. alle schauten in die gleiche Richtung. In dieser Konstellation sollte nun eine Diagnose für einen Patienten erstellt werden. Zum Teil waren Informationen vor der Gruppe (z.B. die Patientenakte), zum Teil hinter der Gruppe verteilt (z.B. Symptome) und zum Teil gab es noch einzelne Informationsblätter innerhalb der Gruppe (z.B. Interpretationshilfe). Da durch diesen Aufbau jeder nur einen Bruchteil der Information zur Verfügung hatte, war es sehr schwer, eine wirklich gute Diagnose zu stellen. Erschwerend kam noch hinzu, dass die Gruppe nicht gleichzeitig auf die Patientenakte und auf die Symptome schauen konnte, da ja alle immer die gleiche Blickrichtung haben mussten.
Insgesamt war das ein sehr großer Spaß, der wunderbar die Anforderungen erfahrbar gemacht hat, die aktuell im Gesundheitswesen zu finden sind … viele Informationen aus vielen unterschiedlichen Systeme, viele Experten und viele Interessen.
Mein Fazit ist, dass sich eine derartige Übung sehr gut eignet, um Entwicklungsteams die Herausforderungen bei der Kommunikation in interdisziplinären Umgebungen zu verdeutlichen. Allerdings müssen die Übungen sehr branchenspezifisch und detailgetreu aufbereitet werden, damit es funktioniert.

CHI 2008: Making Use of Business Goals in Usability Evaluation

Kasper Hornbaek und Erik Frokjaer von der University of Copenhagen haben untersucht, ob die Berücksichtigung von Geschäftszielen die Ergebnisse einer expertenbasierten Usability-Evaluation beeinflusst. Dazu haben sie die Evaluationsergebnisse von insgesamt 44 Evaluatoren mit wenig Usability-Erfahrung untersucht. 22 der Evaluatoren haben zusätzlich zu dem standardisierten Bewertungsunterlagen noch detaillierte Unterlagen zu den Geschäftszielen erhalten. Die gefundenen Usability-Probleme und Verbesserungsvorschläge wurden am Ende von dem betreffenden Unternehmen noch hinsichtlich des Nutzwertes bewertet.
Im Ergebnis haben die Evaluatoren, die die Geschäftsziele berücksichtigt haben, weniger Probleme gefunden. Allerdings wurde der Nutzwert dieser Ergebnisse von dem Unternehmen als deutlich höher eingestuft, als bei den Evaluatoren ohne Kenntnisse zu den Geschäftszielen.
Kurz zusammengefasst lautete ihre Botschaft: wer das Unternehmen und seine Geschäftsziele genau kennt, kann Usability-Probleme von deren Produkte besser einschätzen und zielführendere Verbesserungsvorschläge abgeben.

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CHI 2008

CHI 2008: What to Do When Search Fails


Photo aus dem Folienvortrag

Duen Horng Chau, Brad Myers und Andrew Faulring von Carnegie Mellon University haben eine Oberfläche zur visuellen Suche namens Feldspar vorgestellt. Dabei wird eine Suchanfrage durch das Verketten von Objekten visuell formuliert z.B. Suche nach Dokumenten, die mit einem Ereignis, mit einer Person, mit einer Webseite und einer Datei in Verbindung stehen.
An sich sieht das alles ganz nett aus … und in der Evaluierung (n=8) kam auch heraus, dass die Oberfläche deutlich besser als die Suchfunktionen von Google Desktop Search und Outlook Suche ist. Das haben die Vortragenden dann auch noch versucht durch die quantitative Auswertung ihrer Messergebnisse zu demonstrieren. 😉
Ich finde es aber nicht ganz einleuchtend, dass für die Formulierung der Suchanfrage der meiste Bildschirmplatz eingeplant wurde und die Dokumentenanzeige nur als eine Art Statusleiste dargestellt wird. Offensichtlich ist der Hauptzweck des Systems nicht das Auffinden von Dokumenten, sondern die möglichst schicke Formulierung von Suchanfragen.

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