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Touchbedienung im Arbeitsalltag

Die großen Technologieunternehmen dieser Welt preisen Touch ja als die Zukunft des User Interface Design.

A screen without touch is a broken screen in a few years. – Jensen Harris (Director of Program Management User Experience, Microsoft), 2011

Die aktuellen Verkaufszahlen von Tablets und Smartphones sowie die Prognosen der Analysten geben ihnen dabei recht. Beispielsweise erwartet Gartner in 2013 einen Anstieg der Tablet-Verkäufe um 69,8 % und geht davon aus, dass in 2016 mehr Tablets als PCs abgesetzt werden.
Bis vor einiger Zeit wurden diese Geräte mehrheitlich im privaten Bereich genutzt. Im April veröffentlichte die BITKOM dann eine Studie (n=854) nach der bereits 34% der Unternehmen in Deutschland Tablets einsetzen. Die Interaktion mittels Fingern kommt also so langsam auch in den deutschen Unternehmen an.
Damit war es nun für mich an der Zeit die Bedienung mittels Touch im beruflichen Alltag auszuprobieren. Ich habe also kurzer Hand mein geliebtes Arbeitsgerät, ein klassischer kleiner Businesslaptop, durch einen Windows 8 All-In-One PC mit einem 27″ Touchmonitor namens Lenovo Ideacentre ersetzt. (Schön, wenn man einen innovativen Arbeitgeber wie die DATEV hat, der so etwas mitmacht 🙂

Quelle: Lenovo

Ich hatte mir vorgenommen von dem Tag an, ab dem dieser schicke Rechner meinen Arbeitsplatz schmückt, nur noch mit Finger und Tastatur zu arbeiten. Ich wollte sehen, ob sich bei dieser Arbeitsweise körperliche Probleme bemerkbar machen und ob ich mit Touch genauso produktiv arbeiten kann wie mit der Maus – so die Idee.
Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass mir dann schon ein wenig mulmig zu Mute war, als das schicke Lenovo Ideacentre auf meinem Arbeitsplatz stand. Immerhin durften die geschäftlichen Aufgaben durch mein Experiment nicht behindert werden. Zu diesen gehören neben Führungs- und Kommunikationsaufgaben auch gestalterische sowie konzeptionelle Tätigkeiten.
Aber mal zu den Ergebnissen im Detail:

Das Körperliche

Ich konnte bis heute keine wesentlichen körperlichen Beeinträchtigungen feststellen, was aber auch daran liegt, dass sich das Ideacentre so auf dem Arbeitsplatz positionieren lässt, dass man bequem den Ellenbogen auflegen kann bzw. sich am Rand des Screens festhalten kann. Die Interaktion ist dann ähnlich bequem, wie mit der Maus bei der der Unterarm auf dem Tisch aufliegt.

Bei der Oberflächengestaltung von Touch UIs sollten meiner Erfahrung nach zwei neue Körperhaltungen betrachtet werden: die „Hand hält sich am Rand fest und navigiert“- und die „Stützt den Ellenbogen auf und zeichnet bzw. navigiert“-Haltung. Diese führen zu einer Verschiebung der wichtigen Interaktions-Hotspots auf der Bedienoberfläche.
Auch die Außentemperatur spielt in Abhängigkeit vom Hauttyp bei der Interaktion mit den Fingern eine Rolle: je wärmer, umso öfter feuchte Hände, umso schneller bekommt das Display Schmierstreifen und umso schneller wird die Sicht leicht eingetrübt. Hier hilft dann nur eine Packung günstiges Microfasertuch aus der Drogerie.

Interaktion mit Businessanwendungen im Legacy-Teil von Windows 8

Um Touch richtig nutzen zu können, habe ich das Ideacentre natürlich mit Windows 8 verwendet. Leider ist es aktuell immer noch so, dass nahezu alle klassischen Businessanwendungen nur im Legacy-Teil von Windows 8 verfügbar sind und nur in geringem Maße auf Touch ausgerichtet sind. In der Praxis stolpert man dann über Probleme wie:

  • Das Markieren von Text geht nur unvollständig bzw. wortweise oder gar nicht.
  • Das Vergrößern und Verkleinern von Fenstern ist schwierig, da die aktive Fläche am Fensterrahmen für meine Finger zu klein ist.
  • Drag & Drop ist auf einer großen Touchinteraktionsfläche nicht wirklich sinnvoll nutzbar, weil sowohl Finger als auch Stift bei schneller Bewegung vom Display stellenweise nicht erkannt werden. Das kann dann schon mal dazu führen, dass man Dateien im falschen Ordner fallen lässt oder dass die Win8-Geste zum Schliessen von Anwendungen mehrfach nicht erkannt wird. Verschlimmert wird diese Situation dann dadurch, dass man das mausoptimierte Systemfeedback (veränderter Mauszeiger) mit dem Finger verdeckt und dann nicht erkennen kann, ob man das Objekt gerade am Finger hat oder nicht.
  • Einige Anwendungen verwenden zur Anzeige von Informationen scrollbare Fensterbereiche in denen verschiebbare Objekte angezeigt werden (z.B. Outlook). Mit der Maus ist das unproblematisch, da der Klick auf dem Objekt zum Verschieben und das Scrollrad der Maus zum Scrollen verwendet wird. Da mein Finger weder klickt noch ein Scrollrad hat, kann ich diese Anwendungen nur sehr schwer mit dem Finger bedienen
  • Bedienelemente, bei denen das Mouseover-Event einen wesentlichen Anteil des Verhaltens ausmacht, sind einfach nicht bedienbar. Beispielsweise sind die im Web beliebten Menüs, die sich auf Mouseover öffnen und man dann mit dem Mauszeiger innerhalb des aufgeklappten Menüs einen Unterpunkt auswählt mit dem Finger nicht nutzbar.
  • Der Metro-Teil von Windows 8 ist für kleine Touchscreens gemacht. Auf großen Bildschirmen werden die Schriften so groß, dass sie bei einem normalen Auge-Monitor-Abstand von 50-80 cm schlecht lesbar sind.

Zu meinen Interaktionserfahrungen ist noch anzumerken, dass das Verhältnis von Displaygröße und Auflösung bei meinem Testgerät sehr gut gewählt ist und dadurch im Legacy-Teil von Windows 8 Schriften sowie Abstände „touch-freundlich“ dargestellt werden.

Zusammenspiel zwischen Finger und Tastatur

Finger und Tastatur ergänzen sich grundsätzlich prima. Da der Weg mit dem Finger von der Tastatur zum Bedienelement gefühlt zwar kürzer, aber auch etwas anstrengender ist, als der Weg mit der Hand von der Tastatur zur Maus und dann mit der Maus zum Bedienelement, bekommt die Tastatursteuerung eine höhere Bedeutung.
Meine gefühlte Toleranz gegenüber Eingabefehlern ist bei der Eingabe mittels Finger deutlich geringer als mit der Maus – heißt: was nicht gleich mit dem Finger bedienbar ist nervt schneller als bei der Maus. Das bedeutet, dass man sich bei der Oberflächengestaltung intensiv um Tastenkürzeln, Tab-Verkettungen und eine sinnvolle Steuerung des Fokus auf den Bedienelementen kümmern muss.

Reaktionszeit und Systemfeedback

Reaktionszeit und Systemfeedback bekommen bei Touchinteraktionen eine deutlich höhere Bedeutung. Dies ist vor allem dann besonders wichtig, wenn man auf Systemen arbeitet, die nicht zu 100% touchfähig sind. Ist die Reaktionsszeit zu lang, kommt Unsicherheit auf, ob das Gerät meine Toucheingabe nicht erkannt hat, ich daneben „getoucht“ habe oder die Software mit meinem „Touch“ nichts anfangen kann. In der Regel ist das Ergebnis das Gleiche: man „toucht“ mehrfach auf das Bedienelement.

Fazit

Ich glaube auch, dass die Bedienung mittels Finger und Stift eine richtig große Sache ist bzw. wird. Allerdings sind die meisten Anwendungen noch nicht wirklich gut auf diese Form der Interaktion ausgerichtet. Im Großen und Ganzen kann man die meisten Anwendungen erstaunlich gut mit dem Finger bedienen. Die zahlreichen kleinen Unwägbarkeiten des Betriebssystems und der Anwendungen führten jedoch dazu, dass ich relativ schnell immer wieder zur Maus gegriffen habe. Nicht etwa weil Touch körperlich zu anstrengend war, sondern weil die die Anwendung meine Fingereingaben entweder komplett ignoriert hat bzw. ich mit dem Finger einige Eingaben mehrfach wiederholen bzw. korrigieren musste, bis sie richtig waren.
Außerdem fehlt meinem Lenovo Ideacentre die entscheidende Fähigkeit präzise auf Stifteingaben zu reagieren. Ich habe drei unterschiedliche Stifte probiert (Wacom Bamboo, Adonit Jot Pro und einen billigen iPad-Stift). Das Display ist aber dafür einfach nicht ausgelegt. Es ist nicht möglich saubere Linien zu zeichnen. Die Kombination von Finger, Stift und Tastatur ist aber genau die, die ein sinnvolles Arbeiten im Businessbereich ermöglicht. Diese vereint das Beste aus digitaler und analoger Welt. Für mich fühlte sich die Interaktion mittels Finger und Stift trotz der Einschränkungen so an, als ob ich damit deutlich freier und kreativer arbeiten kann, als mit der Maus. Schade nur, dass das noch nicht alle Hardwarehersteller erkannt haben.
Anders als angenommen, hält sich die körperliche Belastung bei der Bedienung mittels Finger bei geeigneter Anordnung von Tastatur und Bildschirm sehr in Grenzen. Einzig der gefühlt längere und etwas kraftintensivere Weg von der Tastatur zum Bedienelement macht einen spürbaren Unterschied.
Wenn wir es also schaffen Stift und Finger sinnvoll zu kombinieren, die neuen Körperhaltungen bei der Gestaltung zu berücksichtigen, unsere Anwendungen durchgängig auf Fingereingaben reagieren und vollständig per Tastatur bedienbar sind, steht einem kreativeren digitalen Arbeiten auch im Businessbereich nichts im Weg.

Siehe auch

BITKOM: Tablet Computer drängen in die Berufswelt

bldwin: Touchscreen and stylus and mouse, oh my!

Jeff Burtoft ist in seinem Vortrag auf die Nutzung von Touch, Stylus und Maus in Windows 8 Applikationen eingegangen. Aus seiner Sicht lassen sich alle drei Eingabemethoden mit einer Oberfläche adressieren.

Design for touch, get mouse for free.

So ganz bin ich da nicht bei ihm. Ja, ein touch-optimiertes UI kann man in der Regel auch mit der Maus bedienen. Aber das ist deutlich ineffizienter als mit der Maus ein maus-optimiertes UI zu bedienen. Meiner Meinung nach kann man die Oberfläche eines Produktes aus gestalterischer Sicht nur auf eine Eingabemethoden optimal ausrichten. Bei den anderen Eingabemethoden muss man entweder Kompromisse machen oder eine zusätzliche UI Variante bzw. Anpassungen für diese Eingabemethode gestalten und entwickeln. Dass es mit HTML5 technisch gesehen unter Win 8 möglich ist, mit einer Umsetzung alle Eingabemethoden zu adressieren hat er in seinem Vortrag gezeigt.
Fazit: Dieser und andere Vorträge auf der BUILD haben gezeigt, dass sich Microsoft bei der Entwicklung seiner Technologien auf Eingaben durch Touch, Gesten, Maus und Stift konzentriert. Sprache und Tastatur sind zwar auch ein Thema, wurden aber nicht so stark in den Vordergrund gestellt, wie die anderen vier.