UPA2010: Barrierefreiheit betriebswirtschaftliche Anwendungen

Veröffentlicht von Ulf Schubert am

Annett Hardt und Martin Schrepp (SAP) haben von ihren Erfahrungen bei der Umsetzung von Barrierefreiheit in Business-Software, insbesondere SAPs CRM Lösung, berichtet.
Bei der Umsetzung der Regelungen und Empfehlungen für Barrierefreiheit (z.B. W3C) hat sich gezeigt, dass die aktuellen Richtlinien, welche sich meist auf Webseiten beziehen, nicht einfach auf Business-Software übertragen werden können. Im Gegensatz zu vielen Webseiten gibt es bei Business-Software klare und wichtige Effizienzziele, die in den aktuellen Richtlinien nicht ausreichend berücksichtigt werden. Beispielsweise gelten demnach Lösungen als barrierefrei, bei denen Funktionen erst nach mehr als 100x Tab-Taste-Drücken erreichbar sind. Dies ist für Business-Software selbstverständlich nicht akzeptabel.
Zentraler Ansatzpunkt für eine effiziente Bedienung ist die Tastatur. Die effiziente Tastaturbedienbarkeit spielt schon seit langem bei der Entwicklung von Business-Software eine zentrale Rolle. Dies sollte nach Ansicht von Annett Hardt und Martin Schrepp auch auf die Umsetzung von barrierefreien Lösungen übertragen werden.
SAP setzt bei der effizienten und barrierefreien Tastaturbedienung auf eine Mischung von Short-Cuts und Tab-Taste. Über die Short-Cuts lassen sich bestimmte Bereiche (z.B. Kopfbereich, einzelne Punkte in der Navigationsleiste, Einzelbereiche in Eingabemasken) fokussieren und in diesen dann mit der Tab-Taste zu dem einzelnen Control weiternavigieren. Da es sehr schwierig ist Shortcuts zu finden, die noch nicht belegt sind, arbeitet SAP mit personalisierbaren Shortcuts und besonderen Kombinationen (CTRL+ Taste, SHIFT+Taste, ALT+Taste, ESC+Taste). Um die effiziente Bedienung sicherzustellen wird die Tastaturbedienung für typische und wichtige Nutzungsszenarien über GOMS Analysen gemessen.
SAP berücksichtigt bei der Barrierefreiheit folgende Nuztergruppen:
* Nutzer mit eingeschränkter Sehfähigkeit
* Farbenblinde Anwender
* Blinde Anwender
* Motorisch behinderte Anwender
* Anwender mit kognitiven Behinderungen
Als größte Herausforderung haben Annett Hardt und Martin Schrepp die komplexen Controls von Business-Software benannt. Hier war es notwendig eigene Controls zu entwickeln, die einen speziellen Screen-Reader Modus unterstützen. Bei diesem werden u.a. spezielle Tooltipps für den Screen Reader eingebaut.
Weiterhin ist es sinnvoll über unterschiedliche Stylesheets, verschiedene Fehlsichtigkeiten zu berücksichtigen sowie über Personalisierungsfunktionen die Informationsdichte für bestimmte Anwendergruppen zur reduzieren.
Für die Umsetzung von barrierefreien Lösungen haben sie folgende Empfehlungen erarbeitet:
* Barrierefreiheit sollte von Beginn an in Projekten berücksichtigt werden. Wenn man es vergisst müssen Screens nachträglich aufwändig angepasst werden, sind evtl. Änderungen zentraler Architektur-Konzepte notwendig oder es sind die für die Barrierefreiheit entwickelte Interaktionslemente inkonsistent zur herkömmlichen Interaktion.
* Barrierefreiheit sollte Teil der UI Spezifikation sein.
* In der Entwicklungsphase sollte kontinuierlich auf Barrierefreiheit getestet werden.
* Da Richtlinien zur Barrierefreiheit auch grundlegende Usability-Anforderungen enthalten, trägt die Einhaltung dieser zur gesamten Usability bei Business-Software bei.

Siehe auch

UPA International Conference 2010
SAP Design Guild: HÜRDEN ÜBERWINDEN


Ulf Schubert

Ulf ist Experte für Customer/User Experience, Design Management und Touchpoint Management. Er ist bei DATEV als Senior Head of UX & Touchpoint Experience für das Produktdesign der DATEV Produkte und die Customer Experience an allen Kunden-Kontaktpunkten der DATEV verantwortlich. Davor hat er mit seiner Agentur openeyes bzw. später bei SirValUse Unternehmen, wie z.B. eBay, Microsoft, OTTO, Axel Springer und MINI, zu User Experience, Innovation und Design beraten. Er engagiert sich über Bitkom und German UPA für bessere digitale Produktgestaltung in Deutschland. Er teilt seine Erfahrungen über Vorträge auf Konferenzen und Trainings.