Dr. Carine Lallemand (University of Luxembourg) hat sich in ihrem Beitrag mit der Validität von Erkenntnissen aus UX Research Methoden für strategische Entscheidungen beschäftigt. Ihre Sicht basiert auf dem Glauben, dass jede strategische Entscheidung auf validen Erkenntnissen und Informationen aus UX Research beruhen muss. Andernfalls sieht sie das Risiko, dass falsche Entscheidungen getroffen werden und Misserfolg droht.

We need to base strategic decisions on valid findings.

Die größte Herausforderung dabei ist, dass User Experience schwierig zu messen ist. UX ist schwer zu messen, 

  • Da sie nicht nur durch messbare pragmatische Faktoren, wie z.B. Effizienz, definiert wird. Sie wird auch von hedonischen Aspekten bzw. Bauchfaktoren, wie z.B. Motivation oder Neuartigkeit, bestimmt wird. Sie warb in diesem Zusammenhang für den Einsatz von AttrakDiff und UEQ – beides Fragebögen zur Messung von UX. Beide Fragebögen adressieren sowohl die pragmatischen als auch die hedonischen Aspekte von UX.
  • Da sie stark vom Kontext bzw. der Umgebung abhängig ist, in dem sie gemacht wird. Sie lässt sich in Laborsituationen nur sehr eingeschränkt messen. Um diesem Aspekt zu begegnen, empfiehlt sie In-situ Usability Testing (Usability Tests in der normalen Umgebung der Anwender bzw. Produkt), Experience Sampling und Feldbeobachtungen.
  • Da sie dynamisch ist. Damit meint sie, dass sich die UX vor der Nutzung, während der Nutzung, nach der Nutzung und über eine lange Zeit unterscheiden kann. Sie empfiehlt diesen Umstand bei der Auswahl der Methoden zu berücksichtigen.
  • Da sie sich in der Erinnerung der Menschen verändert. Die Erinnerung an die UX bzw. ein Erlebnis hat mehr Bedeutung, als die reale UX bzw. das echte Erlebnis an sich. Um diesen Apsekt zu berücksichtigen empfahl sie die UX Curve Method.
  • Da sie auf Emotionen und psychologischen Bedürfnissen beruht. In diesem Zusammenhang verwies sie auf UX Cards Psychological Needs, Positive Emotional Granularity Cards.

UX research methods are ingedients and meals rather than recipes.

Als Zutaten für UX Research betrachtet sie z.B. die repräsentative Auswahl von Testpersonen. Sie empfiehlt lieber auf kleine Samples zu vertrauen, die so repräsentativ wie möglich sind, als auf große Stichproben, die im Rahmen von Guerilla UX Methoden mehr oder wenig zufällig ausgewählt wurden. Eine weitere Zutat ist die Vermeidung von Verzerrungen durch die Methode an sich. (Research Bias) Insgesamt empfiehlt sie auf eine Kombination von unterschiedliche Research Methoden quantitativer und qualitativer Natur zu setzen, um die Validität der gewonnen Erkenntnissen sicherzustellen.

Der Vortrag an sich war interessant und enhielt ein paar interessante Denkanstöße. Allerdings stellt sich für mich die grundlegende Frage, ob wirklich jede strategische Entscheidung in einem Unternehmen auf validen Erkenntnissen aus UX Research Methoden basieren muss, um Erfolg zu haben. Diese Frage stellt sich mir vor allem bei Innovationsthemen oder Themen mit so hohem Neuigkeitswert, dass klassische UX Research Methoden, die sie empfohlen hat, an ihre Grenzen stoßen. Ich glaube, dass Validität ein ebenso wichtiger Aspekt in UX Design ist, wie Intuition. Das Wichtige ist, dass wir die Research Methoden verwenden, die für die unterschiedlichen Lebensphasen von Produkten, Services und Unternehmen passend sind und uns mit einer ausreichend hohen Wahrscheinlichkeit in Richtung Erfolg bringen.

Kategorien: Dies und Das

Ulf Schubert

Ulf ist Experte für Design Management, User Experience und Design Thinking. Aktuell ist er als Head of UX bei DATEV für die User Experience der DATEV Produkte verantwortlich. Davor hat er mit seiner Agentur openeyes bzw. später bei SirValUse Unternehmen, wie z.B. eBay, Microsoft, OTTO, Axel Springer und MINI, zu User Experience, Innovation und Design beraten. Er engagiert sich über Bitkom und German UPA für besseres Digital Design in Deutschland. Er teilt seine Erfahrungen über Vorträge auf Konferenzen und Trainings. Er ist einer der Gründer und Organisatoren des UX Stammtisch Franken.