Was Design wirklich ausmacht … jetzt, wo KI das UX-Handwerk automatisiert

Es war Herbst 2025. Figma Make hatte gerade eine Version erreicht, die zum ersten Mal wirklich funktionierte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich damit herumgespielt habe. Anfangs war ich neugierig und begeistert, dann wurde ich zunehmend beunruhigt. Was ich da auf dem Bildschirm sah, war kein futuristisches Demo mehr. Es war mein Beruf, der da automatisch ablief.

Bedienelemente, Entwurfsvarianten, ganze Screens sowie interaktive Prototypen entstanden in Minuten aus einem Prompt und waren besser als alles, was ich in der Zeit je hätte schaffen können. Genau das, was ich in Studium und Beruf jahrelang geübt hatte und worauf ich so stolz war, lief da von selbst ab. Ich habe Stunden damit zugebracht Gestaltungsraster einzurichten, UI-Elemente gestalterisch zu setzen, Icons zu pixeln, Abstände auszurichten, Screens pixelgenau auszuarbeiten und vieles mehr. Das Handwerk war für mich keine lästige Pflicht. Es war der sichtbare Beweis, dass ich Designer bin. Und plötzlich erledigte eine Maschine das in einem Bruchteil der Zeit. Die Frage, die mich damals mit Wucht getroffen hat, war eine existenzielle:

Ich glaube, diese Frage kennen gerade viele Menschen in der UX- und Design-Branche. Und ich glaube, sie ist wichtiger als die meisten KI-Debatten, die wir sonst führen.

Design = Handwerk?

Mein Designstudium war zu einem großen Teil eine Schule des Handwerks. Natürlich ist das gestalterische Handwerk die Grundlage und damit ein wichtiger Aspekt meines Berufs. Die hohe Betonung des Handwerks erzeugte in mir aber eine stille Gleichsetzung:

Der Akt der Formgebung wurde augenscheinlich das Wichtigste an meinem Beruf. Und ich denke, dass ich damit nicht allein bin.

Diese Gleichsetzung hat sich im Berufsalltag fortgesetzt. Je mehr Zeit man mit dem pixelperfekten Ausarbeiten verbringt, desto tiefer entsteht die Überzeugung, dass genau das der Kern der Arbeit ist. Schließlich nimmt es den größten Teil des Tages ein. Es ist das, wofür man bewundert wird, was in Portfolios glänzt und was Kolleg:innen wertschätzen.

Aber ist das wirklich der Kern?

Ich glaube nicht. Und das wusste ich eigentlich schon seit dem Studium. Ich habe es nur wieder vergessen. KI hat mir den Anstoß gegeben, genau darüber wieder nachzudenken. Das war schmerzhaft, aber irgendwie auch heilsam.

Was Design wirklich ist

Walter Gropius, Gründer des Bauhaus, hat das vor hundert Jahren schon sehr klar formuliert. Gestaltung beginnt nicht mit der Form. Sie beginnt mit der Frage nach dem Wesen.

Das klingt vielleicht wie romantische Designphilosophie. Das ist aber eine realistische Beschreibung dessen, was wir als Designer:innen eigentlich tun oder tun sollten. Der Designwissenschaftler Gerhard Schweppenhäuser geht noch einen Schritt weiter. Er beschreibt Gestaltung als sozialen Akt. Es geht nicht um die Produktion von Artefakten, sondern um das Gestalten von Beziehungen, von Kommunikationsräumen und von Bedeutung. Das fertige User Interface ist demnach nicht das Ziel, sondern nur das sichtbare Ergebnis eines Gestaltungsprozesses.

Was halten praktizierende Designer:innen selbst für den Kern ihres Berufs? Rangelova, E., Glaubitz, F., & Binder Knott, H. von der Hochschule Augsburg haben genau das untersucht. Sie haben zwölf Gestalterinnen und Gestalter (Studierende, Freischaffende, Professor:innen und Agenturgründer:innen) befragt. Die Antworten verdichten sich zu vier Fähigkeiten, die Gestaltung aus machen:

  • Empathie sowie die Übersetzung von menschlichen Bedürfnissen in erlebbare Form,
  • das Denken in ungewohnten Richtungen,
  • die Fähigkeit zur Vereinfachung von Komplexem und
  • die persönliche Handschrift, die Geschichte und Haltung, die eine gestaltende Person in ihre Arbeit einbringt.

Auffällig ist, dass in dieser Aufzählung die pixelperfekte Umsetzung gar nicht vorkommt. Sie ist nicht das, was von den Befragten als das Wesentliche von Gestaltung empfunden wurde.

Für den Designtheoretiker Bernhard Bürdek sind Produkte nicht nur Funktionsträger, sondern auch Bedeutungsträger. Design ist für ihn der Akt, etwas in die Welt zu bringen, das verstanden wird, erlebt wird und Bedeutung hat.

Nimmt man die verschiedenen Perspektiven zusammen, dann ist Design im Kern eine Übersetzungsleistung. Designer:innen nehmen menschliche Bedürfnisse, schauen auf technische Möglichkeiten und bringen beides, unter Berücksichtigung des sozialen Kontexts, in eine Form, die etwas für die Anwender:innen bzw. Käufer:innen bedeutet. Diese Bedeutung kann in purem Nutzen liegen: ein Bedürfnis wird erfüllt oder eine Aufgabe kann (besser) erledigt werden. Oder sie ist von rein emotionaler Natur: etwas berührt, erzeugt Vertrauen oder macht Freude. Beides ist Gestaltung. Beides ist nicht automatisierbar, denn es setzt voraus, dass die Designer:innen die Menschen wirklich verstehen, für die sie gestalten.

Das gestalterische Handwerk war immer nur Mittel, nie der eigentliche Zweck. Es war das Mittel um mit Hilfe von technischen Möglichkeiten, die gestalterische Intention umzusetzen.

Das Verstehen von menschlichen Bedürfnissen, das Übersetzen in technische Möglichkeiten, das Kritisieren von Varianten und letzendlich das Erzeugen von Bedeutung, das war immer der eigentliche Designakt.

Warum das eine Führungsaufgabe ist

Ich schreibe das hier nicht als Designtheoretiker. Ich schreibe es als jemand, der UX-Teams leitet und aus erster Hand beobachtet, was mit Menschen passiert, wenn ihre berufliche Identität ins Wanken gerät.

Die Sinnkrise, die ich bei mir selbst erlebt habe, ist keine Einzelerscheinung. Sie trifft Menschen im Team, manchmal offensichtlich, häufiger aber im Stillen. Ein Entwickler, der fragt, wozu er noch mit dem Designer:innen zusammenarbeiten soll, wenn die KI-Pipeline das ja ohnehin generiert. Ein Designerin, die ihren Wert plötzlich nicht mehr sieht. Eine Product Ownerin, die die Produktgestaltung als automatisierten Akt des Aufhübschens ganz nach hinten priorisiert. Ein Designer, der Sorge um seinen Job hat.

Diese Krisen entstehen, weil wir als Führungskräfte das Berufsbild von Designer:innen und UXler:innen noch nicht genug neu ausgerichtet haben. Wir haben das Design-Handwerk zu sehr in den Vordergrund gestellt und die Essenz von Gestaltung zu sehr im Hintergrund gelassen. Jetzt, wo das UX- und Design-Handwerk automatisiert wird, fehlt vielen schlicht der Anker.

Das zu ändern ist eine echte Führungsaufgabe. Sie beginnt mit der gemeinsamen Beantwortung von Fragen wie:

  • Was ist der Kern unserer Arbeit?
  • Wie automatisieren wir das Handwerk in einer Art und Weise, das am Ende Bedürfnisse erfüllt werden und Bedeutung entsteht?
  • Was kann automatisiert werden und was muss dafür Handwerk bleiben?

(Siehe dazu: “So führst Du Dein Team mit Sinn, Fragen & Klarheit durch den Wandel im UX-Bereich”)

Sie setzt sich fort in automatisierten Design- und UX-Prozessen, in denen Designer:innen ihre eigentlichen Stärken, wie z.B. Empathie, gestalterisches Denken und die persönliche Handschrift, spürbar einbringen können. Und sie erfordert einen neuen Kompetenzrahmen, der nicht mehr primär das Beherrschen von Werkzeugen und Methoden im Kern hat, sondern die Fähigkeiten zum Verstehen, Übersetzen, Orchestrieren, zur Kuration und zum Dialog zwischen Mensch und Maschine.

Wenn diese Führungsaufgabe gelingt, dann ist nicht nur die Motivation im Team sichergestellt. Sondern, es ist auch dafür gesorgt, dass mit Hilfe von automatisierten Prozessen und dem klugen Einsatz von menschlicher Designkompetenz eine Produktgestaltung entsteht, die im Markt differenziert, durch die Bedeutungsebene eine Relevanz für Anwender:innen sowie Kund:innen entwickelt und weiterhin nachhaltig zum Unternehmenserfolg beiträgt.

Eine Chance, wenn wir ehrlich sind

Meine erste Reaktion auf Figma Make war eine große Sorge und vielleicht auch ein bisschen Angst. Meine zweite ist Erleichterung und Zuversicht. Denn wenn KI das UX- bzw. Design-Handwerk übernimmt, bleibt mehr Raum für das, wofür ich Design liebe: das Verstehen von Menschen, das Entwickeln von Ideen, das gestalterische Lösen von Problemen und das Treffen von Designentscheidungen, die am Ende etwas bewirken.

Es ist das, was Gropius 1925 formuliert hat. Es ist das, was zwölf Gestalterinnen und Gestalter in Augsburg als Kern ihres Berufs beschrieben haben. Es ist das, was seit Jahrzehnten in der Designtheorie steht und was im Berufsalltag zu oft durch die handwerkliche Produktion in Vergessenheit geraten ist. KI zwingt uns, das nun wieder auszugraben und uns ehrlich bewusst zu machen.

Design war immer die Übersetzung von menschlichen Bedürfnissen mit technischen Möglichkeiten in etwas, das im Leben der Menschen bedeutsam ist, entweder in Form von Nützlichkeit oder Emotion. Diese Übersetzung braucht Empathie, Urteil, Erfahrung, Haltung und vor allem Klarheit bezüglich der eigenen Rolle. Genau das kann keine Maschine übernehmen. Und genau das ist der Kern von Design, den wir als Führungskräfte sichtbar machen müssen – für unsere Kolleg:innen, für unsere Organisationen und auch für uns selbst.

War dieser Artikel hilfreich für Dich?

Schreibe einen Kommentar

Nach oben scrollen