Gutes Design fällt nicht vom Himmel – ein Plädoyer für bessere Designkritik im UX Design

Mir ist es bisher noch nie gelungen, bereits mit dem ersten Entwurf für ein Produkt oder eine Bedienoberfläche Perfektion zu erreichen. Weder früher als UX Designer noch heute als Creative Director. Gutes Design entsteht für mich durch einen iterativen Prozess aus Versuch und Irrtum. Um in diesem Prozess Erfolge von Irrtümern unterscheiden zu können, brauchen Designer Kritik bzw. Feedback. User Experience Professionals setzen dabei natürlich in erster Linie auf das Feedback der Verwender des Produktes bzw. Services. Dieses Feedback ist die Grundlage dafür, dass das Design verständlich und brauchbar ist.

Gutes Design ist aber nicht nur verständlich und brauchbar. Gutes Design weckt Emotionen bei seinen Anwendern. Es strahlt Persönlichkeit und Identität aus. Es verbindet das Unternehmen bzw. eine Marke und seine Kunden auf einer persönlichen Ebene. Die Qualitäten guter Gestaltung sind sehr vielschichtig und lassen sich nicht allein durch Kundenfeedback sicherstellen. (Siehe Principles of Good Design by Dieter Rams (Braun) and Jonathan Ive (Apple)). Damit ein Produktdesign erfolgreich wird, bedarf es der kreativen Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Qualitätsaspekten der Gestaltung.

„Design Critique – a formal discussion of the good and bad points of a particular design“ – Wikipedia

Diese kreative Auseinandersetzung erfolgt meiner Ansicht nach nicht nur durch das Einholen von Kundenfeedback, sondern auch durch Designkritik. Also die kritischen und ehrlichen Diskussion darüber, ob das Design allen Qualitätsaspekten gerecht wird. Ich habe manchmal den Eindruck, dass dies unter uns User Experience Designern nicht so bekannt oder anerkannt ist. Mag sein, dass dies auch in der Ausbildung zu kurz kommt oder in Vergessenheit geraten ist, weil wir in den vergangenen Jahren sehr viel Augenmerk auf das Feedback vom Anwender gelegt und dafür geworben haben.

Gutes Design braucht Kritik.

Ich bin davon überzeugt, dass Design nicht nur Kundenfeedback, sondern auch professionelle Kritik bzw. Design Critique braucht, um gut zu werden. Leider ist das gar nicht so einfach. Wenn Design Critique nicht geübt wird und ungewohnt ist, kann sie genau das Gegenteil von dem bewirken, was sie erreichen soll. Sie führt dann nicht zu einer besseren Gestaltung, sondern zu persönlichen Verletzungen und im schlimmsten Fall dazu, dass Designs in Teams zu wenig gezeigt oder diskutiert werden.

Ich finde, dass wir uns als UX Designer wieder mehr mit professioneller Designkritik beschäftigen sollten. Nicht nur, um unsere Designs besser zu machen, sondern auch um selbst besser zu werden.

Regelmäßige Kritik

Ich denke, dass in erster Linie Übung und Gewöhnung notwendig ist, um Design Critique sinnvoll nutzen zu können. Der erste Schritt ist es daher regelmäßig Kritik zu üben und zu empfangen. Regelmäßige Designkritik-Sessions, in denen UX Designer ihre Arbeiten vorstellen und diskutieren, sollten ähnlich wie regelmäßige Retros in der agilen Welt zum Handwerkszeug des UX Designs gehören.

Design Review anstatt Design Critique

Im Deutschen ist der Begriff „Kritik“ negativ belegt. Von daher kann es helfen, nicht von Design Critique oder Designkritik sondern von Design Review zu sprechen.

Kleine Gruppen

Je nach Diskussionskultur eines Teams kann es außerdem erforderlich sein, für die Diskussion einen Rahmen und Regeln zu schaffen. Aus meiner Erfahrung heraus funktioniert Kritik in kleinen Gruppen deutlich besser als in großen Gruppen. In kleinen Gruppen bis max. 4-5 Personen ist eine Diskussion zielführender und gehaltvoller. In großen Gruppen kann leicht ein Tribunal-Effekt entstehen, der in einem frustrierenden Erlebnis für den Kritisierten endet. Wenn beispielsweise in einer großen Runde (z.B. 20 Personen) die Arbeit eines Designers von zwei anderen Designer stark kritisiert wird und die restlichen Teilnehmer schweigen, kann der Eindruck eines von der Gruppe getragenen vernichtenden Urteils entstehen.

Heterogene Gruppen

Um die vielschichtigen Qualitätsaspekte von Design betrachten zu können, ist es hilfreich ein möglichst heterogenes Team zusammenzustellen. Warum also nicht auch User Researcher, Requirements Engineers, Entwickler oder Business Analysten zum Design-Review einladen. Wichtig ist, dass sich die Teilnehmer auf Augenhöhe begegnen. Weder Hierarchie noch Betriebszugehörigkeit oder Berufserfahrung sollten Einfluss auf die Relevanz eines Feedbacks haben. Dafür kann es hilfreich sein, dass sich dies auch in der Sitzordnung widerspiegelt. Am besten stehen alle um das zu diskutierende Design herum.

Keine Anschuldigungen

Bei der Formulierung von Feedback habe ich die Erfahrung gemacht, dass „Ich-Botschaften“ deutlich besser funktionieren, als „Du-Botschaften“. Eine Formulierung wie „Du hast das aber unordentlich gestaltet.“ kann vom Kritisierten als Anschuldigung verstanden werden. Im Ergebnis entsteht das Gefühl von Abwehr und Rechtfertigung. Eine Formulierung wie „Ich persönlich finde …“ hilft dem Kritisierten, das Gesagte als persönliche Meinung zu verstehen. Leider sind „Ich-Botschaften“ kein Garant für eine gute Diskussion. Wenn beispielsweise der Kritisierte sehr unsicher ist oder Selbstzweifel hat bzw. der Kritisierende sehr dominant oder bestimmend auftritt, können auch „Ich-Botschaften“ zu Abwehr und Rechtfertigung führen. Um die Kritik möglichst objektiv zu formulieren, kann es helfen, eine Kritik wie eine Anforderung zu formulieren: „Ich als Anwender könnte das Design als unprofessionell wahrnehmen, weil die Bedienelemente nicht am Raster ausgerichtet wurden.“

Gute Vorbereitung

Vor einem Design Review sollten die Designs entsprechend aufbereitet werden. Sie sollten auf einem Medium gezeigt werden, welches eine Diskussion über die relevanten Qualitätsaspekte ermöglicht. Es macht beispielsweise wenig Sinn über die Farben eines Designs für eine App auf Basis von Ausdrucken zu diskutieren. Weiterhin sollte dargestellt bzw. vorgestellt werden, welches Ziel das Design erreichen soll, welches Problem es lösen soll und in welchem Kontext es zum Tragen kommt. Außerdem kann es hilfreich sein, die Aspekte vorzustellen, über die im zu diskutierenden Design bereits nachgedacht wurde (z.B. wurde über Barrierefreiheit nachgedacht oder warum eine bestimmte Typographie gewählt wurde). Das hilft den Betrachtern dabei die Hintergründe für das Design zu verstehen und bessere Kritik zu üben.

Keine Endlos-Diskussionen

Am schlimmsten empfinde ich es, wenn dieselbe Kritik wiederholt und endlos auf einen hereinprasselt. Kritik sollte zeitlich begrenzt oder neu-deutsch „time-boxed“ sein. Eigentlich genügt es die Kritik einmal zu sagen und nur zu wiederholen, wenn der Kritisierte nachfragt.

Kritik aufmerksam empfangen

Wenn ich Kritik empfange, dann versuche ich zum einen aufmerksam zu zuhören und die Gründe für die Kritik zu verstehen. Das ist nicht immer leicht, da ja die eigene Arbeit im Mittelpunkt der Kritik steht. Ich versuche durch eine Zusammenfassung der Kritik zu spiegeln, was ich verstanden habe und durch Nachfragen die Hintergründe zu verstehen. Mir hilft es auch, Notizen zu machen, da ich mich durch das Formulieren der Notizen auf das Verstehen der Kritik fokussiere.

Wertschätzung

Ich halte wenig davon Kritik in ein Sandwich von Lob zu verpacken. Also erst loben, um dann zu kritisieren und dann wieder zu loben. Auch wenn das in manchen Feedback-Seminaren als der goldene Weg verkauft wird, trenne ich lieber Lob und Kritik. Wichtig ist für mich, dass die Kritik wertschätzend ist. Also der Kritisierte weiß oder spürt, dass der Kritisierende ihn und seine Arbeit trotz der Kritik schätzt. Das setzt natürlich ein gewisses Vertrauensverhältnis und Momente des Lobes voraus.

Design Review und Entscheidung trennen.

Zu guter Letzt halte ich es für wichtig die Diskussion über einen Designentwurf und die finale Entscheidung für oder gegen eine Umsetzung bzw. Produktion voneinander zu trennen. Die Designkritik bzw. ein Design-Review zielt darauf ab, einem Designer oder einem Designteam zu helfen das Design zur Perfektion zu bringen. Vermischt man dies mit einer Entscheidung über die Umsetzung, kann das die Diskussion in eine ausweglose Sackgasse führen aus der niemand lernen kann. Die finale Entscheidung, ob das Design dann für die Produktion geeignet ist oder umgesetzt wird, sollte in einem anderen Rahmen und auf Basis klarer Entscheidungsvorlagen getroffen werden. Dazu muss das Design im Ganzen eine finalen Zustand erreicht haben, entsprechend aufbereitet sein und sowohl Feedback aus Design Reviews als auch aus Tests mit Anwendern vorliegen.

Siehe auch

20 ways to make your design critiques more effective
How to give and receive a good design critique
How to Survive a Critique: A Guide to Giving and Receiving Feedback
Design Criticism and the Creative Process
9 Rules for Running A Productive Design Critique
How To Run a Design Critique
GV Guide to Design Critique
Peek Inside a Facebook Design Critique
Running productive design critiques

UX Stammtisch Franken: Barrierefreiheit

Im letzten Jahr wurden weitere wichtige gesetzliche Grundlagen für barrierefreie digitale Angebote geschaffen. Die Bundesregierung modernisierte das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) und die EU verabschiedete eine neuen Richtlinie für die Barrierefreiheit von Webseiten und mobilen Applikationen für öffentliche Stellen. Das Thema Barrierefreiheit scheint nun Schritt für Schritt den Stellenwert zu bekommen, der für eine barrierearme bzw. barrierefreie digitale Welt notwendig ist.

Aus diesem Grund haben wir den ersten UX Stammtisch Franken des Jahres dazu genutzt, einen gemeinsamen Blick darauf zu werfen, wie es in Franken aktuell um das Thema Barrierfreiheit in Franken bestellt ist.

Zum Auftakt berichtete Christian Müller (Accenture Digital) aus seiner umfangreichen praktischen Erfahrung bei der Umsetzung von barrierefreien digitalen Angeboten. Dabei ging es ihm nicht um die Vorstellung gesetzlichen Rahmenbedingungen, Verordnungen und Richtlinien, wie z.B.

  • Behindertengleichstellungsgesetz (BGG)
  • EN 301 549 „Accessibility requirements suitable for public procurement of ICT products and services in Europe“
  • EU-Richtlinie 2016/2102 über den barrierefreien Zugang zu den Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen
  • Web Content Accessibility Guidelines – WCAG
  • Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung – BITV 2.0
  • Gesetz zur Modernisierung des Vergaberechts (VergRModG)

Im Kern seines Vortrags ging es ihm darum, für eine breitere Sichtweise auf Barrierefreiheit zu werben. Barrieren gibt es nämlich nicht nur für die 80 Millionen Europäer mit Behinderungen. Auch Menschen mit temporären Einschränkungen, wie z.B. ein Gipsarm, zu hohe Sonneneinstrahlung auf dem Handy-Display, zu geringe Sprachkenntnisse oder ein zu schwacher Beamer in einem zu hellen Raum, erleben in ihrem Alltag Barrieren.

„Barrierefrei ist etwas, wenn es für alle Nutzer gleich zugänglich ist.“

Weiterhin erfordert die zunehmende Digitalisierung eine bessere Berücksichtigung von Anforderungen an die Barrierefreiheit. Die Vermischung von physischen Objekte und digitalen Dienste bietet viele neue Möglichkeiten neue Zielgruppen mit Einschränkungen besser in die digitale Welt zu integrieren.

„Die digitale und analoge Welt wächst immer mehr zusammen und sollte als Ganzes barrierefrei sein.“

Durch die Digitalisierung und die Berücksichtigung von Anforderungen an die Barrierefreiheit können sich Unternehmen völlig neue Zielgruppen erschließen, die heute Einschränkungen haben, die eine Verwendung des Angebotes der Unternehmen verhindern. Beispielsweise könnten autonome Fahrzeuge Blinden völlig neue Freiheitsgrade in Sachen Mobilität ermöglichen, wenn die Fahrzeuge von Anfang an barrierefrei gestaltet würden.

In seiner beruflichen Praxis erlebt Christian Müller heute noch zu wenige Unternehmen, die ihre Produkte und Angebote barrierefrei gestalten. Manche Unternehmen argumentieren beispielsweise:

  • „Barrierefreiheit ist zu komplex.“ oder „Die Kosten für barrierefreie Produkte sind zu hoch.“ oder „Das bekommen wir zeitlich nicht mehr in den Projektplan.“: Einige Unternehmen wissen nicht, was sie tun müssen. Es existiert ein gefährliches Halbwissen über Barrierefreiheit. Auch UX Designer wissen zu oft wenig darüber, wie sich schicke Webseiten gestalten lassen, die barrierefrei sind.
  • „Das ist nicht unsere Zielgruppe.“: Unternehmen ist nicht bewusst, dass Menschen mit Einschränkungen ihre Zielgruppe sein könnten.
  • „Was haben wir davon, wenn wir das machen?“: Barrierefreiheit wird in Europa meist sehr stark unter monetären Return-on-Investment-Überlegungen betrachtet.
  • „Wir müssen das nicht machen.“: Unternehmen fühlen sich gesetzlich nicht verpflichtet etwas zu für barrierefreie Produkte zu tun und sind sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht bewusst.

Aber es gibt auch gute Beispiele, wie z.B. Adobe, Smartphone-Hersteller wie Apple, blindsquare oder taptasee.

Für die Implementierung von Barrierefreiheit in den Entwicklungsprozess empfiehlt Christian Müller nach folgendem Muster vorzugehen:

  • Ziel festlegen: z.B. WCAG Konform sein … wichtig dabei: realistische und erreichbare Ziele setzen
  • Status Quo erheben
  • Roadmap für die Erreichung des Ziels definieren: Kleine Schritte machen
  • Aufbau einer Community of Practice im Unternehmen
  • Anforderungen für Zielgruppen mit Einschränkungen in das Requirement Engineering integrieren
  • Während der Entwicklung mit Design Reviews und Code Reviews die Berücksichtigung der Anforderungen an Barrierefreiheit sicherstellen
  • Nutzer mit Einschränkungen über den gesamten Entwicklungsprozess hinweg einbeziehen

Darüberhinaus empfiehlt er allen, die sich mit Barrierefreiheit beschäftigen wollen, einen Blick auf den Kurs „Web Accessibility“ von UDACITY (Google) zu werfen.

Nach dem Impulsvortrag von Christian diskutierten die über 40 Teilnehmer des UX Stammtisch Franken folgende Fragestellungen:

Christian, wie wird man zum Experten für Barrierfreiheit?

Da es aktuell noch keine richtige Ausbildung für Barrierfreiheitsexperten oder eine Zertifizierung gibt, ist hierbei sehr viel Eigeninitiative erforderlich. Die Disziplinen Usability bzw. User Experience bieten gute Ausgangskenntnisse dafür.

Welche Bedeutung hat das Thema in der täglichen Arbeit?

Einige Teilnehmer berichten davon, dass sie in ihrer täglichen Arbeit auf die Barrierfreiheit von Farben (Kontraste) und Schriften (Lesbarkeit, Skalierung) oder Tastaturbedienbarkeit Wert legen. Sie erachten dies als notwendig, da dadurch Einschränkungen adressiert werden können, wie z.B. Fehlsichtigkeiten oder eine schlechte Feinmotorik in den Händen, die mit zunehmenden Alter häufiger vorkommen.

Einige berichten davon, dass Barrierfreiheit in ihren Projekten gar keine Bedeutung hat. Barrierefreiheit lässt sich in der Praxis schlecht verkaufen. Es fehlen Business Cases, welche die Kosten und Aufwände für ROI-getriebene Manager rechtfertigen. Einzelne Teilnehmer haben in Projekten erlebt, dass Barrierefreiheit dann an Bedeutung gewinnt, wenn Führungskräfte des Unternehmens selbst von Einschränkungen betroffen sind.

Die Teilnehmer waren sich darin einig, dass das Thema Barrierfreiheit erst richtig an Bedeutung gewinnen wird, wenn der Gesetzgeber entsprechende Vorgaben macht.

„Barrierefreies Design wirkt oft klobig und nicht so ansprechend.“

Barrierefreiheit wird oft im Gegensatz zu einem ansprechenden visuellen oder interaktiven Design gesehen. Dabei müssen nicht alle Dinge, die Barrierefreiheit fördern, im Produkt sichtbar sein. (Einstellbare Farbschemata, technische Zugänglichkeit für Screenreader, alternative Bedienoberflächen) Grundsätzlich wird es als Herausforderung gesehen, die unterschiedlichen Bedürfnisse und Anforderungen im Sinne von „Design für alle“ abzuwägen und in eine gute Produktgestaltung zu überführen.

Barrierfreiheit als Wettbewerbsvorteil

Barrierefreiheit kann nach Ansicht der Teilnehmer zum Wettbewerbsvorteil werden. Wenn ein Unternehmen in einem Markt arbeitet, in dem nur sehr wenige Unternehmen die Anforderungen an Barrierefreiheit berücksichtigen, kann ein barrierefreies Angebot neue Zielgruppen erschließen. Wenn es gelingt Barrierefreiheit wie User Experience nicht nur als reine Pflicht, sondern als Wettbewerbsvorteil zu platzieren, kann es sich genauso in Unternehmen verankern lassen, wie die Disziplin User Experience selbst.

„Eine gute UX ist nicht einfach zu kopieren. Das ist auch ja mittlerweile auch in der Vorstandsetage angekommen.“

UX Designer sind in der Pflicht

Vielen UX Designer fehlen nach Ansicht der Teilnehmer aktuell noch das Wissen, die praktischen Erfahrungen und die Empathie für Barrierefreiheit. Eine Teilnehmerin brachte es so auf den Punkt:

„Ich habe noch nicht das Gefühl, dass der Kampf um gute Usability/UX zu Ende geführt ist und das Barrierefreiheit deshalb durch UX Designer nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt.“

Einige Teilnehmer, die sich in ihrer täglichen Arbeit mit Barrierfreiheit beschäftigen, berichteten davon, dass sich Barrierefreiheit und der Human-Centered-Design-Prozess eigentlich gut verbinden lassen. Dazu müssen allerdings die entsprechenden Testtools in „Greifweite“ und Kenntnisse verfügbar sein. Außerdem muss ein einfacher Zugang zur Zielgruppe geschaffen werden. Apropos „Zielgruppe“: Die teilweise fehlende Berücksichtigung von Barrierefreiheit in der Praxis der UX Designer könnte auch daran liegen, dass UX Designer lernen, dass die User Experience umso besser gestaltet werden kann, je spitzer die Zielgruppe ist … also mit Zielgruppen gearbeitet wird, die möglichst homogen sind. Die Berücksichtigung von zusätzlichen Anforderungen könnte in diesem Sinne als Gefahr für ein erfolgreiches Endergebnis gesehen werden.

„UX Designer müssen lernen Barrierefreiheit in ihrer normalen Arbeit zu berücksichtigen, ohne dabei den Fokus zu weit aufzumachen.“

Es sollte für UX Designer zum Berufsethos gehören, sich mit Barrierfreiheit zu beschäftigen und es bei ihrer tägliche Arbeit zu berücksichtigen. Ein Anfang könnte sein, nicht nur glückliche Super-Personas bei der Entwicklung zu berücksichtigen, sondern realistische Durchschnittspersonas mit den typischen Einschränkungen.

Und jetzt?

In unserer Gesellschaft steht ein ideales Menschenbild im Mittelpunkt – schön, sportlich, leistungsfähig. Einschränkungen werden zu oft einfach ausgeblendet. Aber können wir es uns leisten, Menschen von einer Erwerbstätigkeit auszuschließen, nur weil die Arbeitsmittel der digitalen Welt nicht barrierefrei sind?

„Wenn wir eine Webseite bauen würden, die für Frauen nicht zugänglich wäre, dann wäre aber die Hölle los wie Seuche. Frauen waren auch lange benachteiligt und es hat über 100 Jahre gedauert um das zu ändern. Haben wir den gleichen Kampf jetzt noch mal vor uns?“

Berufsbegleitende Weiterbildung und Studiengänge für angehende UX Professionals

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe berufsbegleitender Weiterbildungs-Programme mit Abschluss und Studiengänge für angehende User Experience und Usability Spezialisten in Deutschland. Ich habe Euch eine Liste der mir bekannten Anbieter zusammengestellt:

Berufsbegleitende Weiterbildungen mit Abschluss

  • artop: Usability & User Experience Professional (Mehr Infos) – Über die Ausbildung bei Artop habe ich von mehreren Teilnehmern ausschließlich sehr positive Bewertungen gehört.
  • Fraunhofer Fit: Zertifizierter Spezialist für Usability und User Experience Testing, Zertifizierter Spezialist für User Requirements Engineering, Zertifizierter Spezialist für Interaktions- und Informationsdesign, Zertifizierter User Researcher, Zertifizierter Usability Engineer (Mehr Infos)
  • HDU Deggendorf: Hochschulzertifikat Usability Engineer (Mehr Infos) – Über die Ausbildung an der HDU habe ich von Teilnehmern positive bis sehr positive Bewertungen gehört.
  • knowledge department: iBUQ Certified Professional for Usability Engineering (Mehr Infos zur Ausbildung, Mehr Infos über IBUQ)
  • Usability Academy: Usability & UX Experte (Mehr Infos)
  • Technische Hochschule Nürnberg – Georg Simon Ohm: Usability Engineering (Mehr Infos)
  • uxperten/IHK Köln: Usability Engineer (IHK) (Mehr Infos); User Experience Manager/in (IHK) (Mehr Infos)
  • XDi: UX 360° – Certified UX & Usability Expert (Mehr Infos)

Studiengänge

  • Hochschule Rhein-Waal: Master Usability Engineering, M. SC. (Mehr Infos)
  • TU Berlin: Studiengang Human Factors (M.Sc.) (Mehr Infos)
  • Technische Hochschule Ingolstadt: Bachelor User Experience Design (Mehr Infos)
  • Universität Siegen: Master Human Computer Interaction (Mehr Infos)

Die Liste erhebt – wie immer – keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Falls ich einen Anbieter übersehen habe, bitte melden.

Siehe auch

German UPA: Wie wird man eigentlich UX/Usability Professional?

Mein Blick auf User Experience in 2017

Es ist mal wieder an der Zeit die Glaskugel rauszuholen und wie im letzten Jahr einen Blick auf das Jahr 2017 zu werfen.

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In den letzten 12 Monaten haben mich Themen wie Agile User Research und Design Thinking im Rahmen der Digitalisierung sehr stark beschäftigt. Ich denke, dass sich diese Themen in 2017 fortsetzen und konkretisieren werden.

Die Suche nach dem nächsten großen Ding

Ich beobachte aktuell zahlreiche Unternehmen, die erkennen, dass ihre Geschäftsmodelle in einer digitalisierten Welt keine großen Überlebenschancen bieten. In 2017 wird sich daher die Suche nach einer Überlebensstrategie in einer digitalisierten Welt, neuen Geschäftsmodellen oder einfach nach dem nächsten großen Ding fortsetzen. Ich gehe davon aus, dass in diesem Jahr zunehmend mehr Unternehmen mit diesen Veränderungen konfrontiert werden, da sich mehr und mehr herauskristallisieren wird, was der aktuelle Wandel tatsächlich bedeuten kann.

Aus meiner Sicht macht genau das 2017 zu einem wundervollen Jahr für UX Professionals (Designer, User Researcher, Requirements Engineers, UX Manager, Information Architects, …). Zum einen erwarte ich, dass zunehmend mehr Unternehmen UX Professionals einstellen werden, um den anstehenden Herausforderungen begegnen zu können. In Zeiten, in denen sich gestandene Unternehmen technologisch auf Augenhöhe gegenüberstehen, macht die User oder Customer Experience eines Angebotes den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg im Markt. Das wird sich für UX Professionals in einem sehr guten Angebot an UX-Stellen im Arbeitsmarkt bemerkbar machen. Für die Unternehmen bedeutet es leider auch, sich auf einen anhaltenden Wettbewerb um gute UX Professionals einzustellen. Zum anderen erwarte ich, dass es für interne UX Professionals spürbar einfacher wird, die Disziplin User Experience oder Anforderungen hinsichtlich UX zu platzieren. Als UX Professionals verfügen wir über das Handwerkszeug, das notwendig ist, um die anstehenden digitalen Herausforderungen zu meistern – von Kreativmethoden zur Ideenentwicklung über die Ideenvisualisierung bis zur Veränderung von Organisationen durch Design. 

Conversational User Interfaces

Für 2017 erwarte ich außerdem, dass sich neben den klassischen grafischen User Interfaces auch Conversational User Interfaces, wie Chatbots oder digitale Assistenten, etablieren werden. Dies wird UX/UI Designer vor eine große Herausforderung stellen, denn die Conversational User Interfaces werden meist in das Angebot eines anderen Herstellers oder Ökosystembetreibers eingebettet sein. Wenn der Chatbot via Skype oder WhatsApp oder der digitale Assistent via Amazon Alexa sein sprachliches Interface zum Kunden öffnet, dann sind es nur noch die Worte, Klang und manchmal ein paar wenige standardisierte Bedienelemente mit denen sich das Kundenerlebnis gestalten lässt. Die visuelle Gestaltung dieser Interfaces wird oft nicht in den Händen derer liegen, die ein solches Interface gestalten. Die Persönlichkeit eines Chatbots oder Conversational User Interfaces wird zum wesentliche Gestaltungsmittel. Es geht um Tonalität, Wort- bzw. Zeichenwahl, Stimme, Klang, Schreibstil und Reaktion auf emotionales Verhalten (Höflichkeit, Ärger, …). Es geht darum, dass der Anwender eine emotionale Beziehung zum Chatbot oder digitalen Assistenten und damit zur Marke aufbauen kann. Im Grunde sind das die Gestaltungsmöglichkeiten mit denen Synchronsprechern, Radiomoderatoren, Schriftsteller oder Schauspieler bestens vertraut sind. Ein guter Grund für einen Blick über den eigenen Tellerrand.

Künstliche Intelligenz braucht Vertrauen

2017 wird das Jahr, in dem es so einfach wie noch nie sein wird, intelligente Produkte zu entwickeln. Seit Monaten schießen Frameworks für künstliche Intelligenz und KI-Bauteile für Ökosysteme aus dem Boden. Diese machen es einfacher schlaue digitale Assistenten, ChatBots, Empfehlungssysteme oder Bild-/Spracherkennung in das eigene Produktangebot zu integrieren.

Es wäre doch fast zu schön, wenn es da nicht ein großes ABER gäbe. Sicherlich eröffnet uns das in vielerlei Hinsicht große neue Möglichkeiten. ABER, was nützt das alles, wenn die Anwender kein Vertrauen in diese künstliche Intelligenz aufbauen können. Was nützt es, wenn sich der Nutzen oder der Sinn nicht erschließt. 

Nutzer von intelligenten Systemen sollten im ersten Schritt die Möglichkeit bekommen grob zu verstehen, wie das System funktioniert. Sie müssen sich den Nutzen und die Grenzen durch ein eigenes mentales Modell erschließen können. Erst dann können die Systeme durch berechenbare und zuverlässige Reaktionen sich ihr Vertrauen verdienen. Produktgestaltung und Marke werden bei diesem Vertrauensaufbau einen wesentlichen Beitrag liefern müssen.

Eine Maschine kann immer nur so intelligent sein, wie sie trainiert wurde und wie es ihr ihre Anwender zutrauen.

Für klassische UX-Designagenturen beginnt der Winter

Nicht nur weil es gerade draußen mächtig kalt ist, beginnt für klassische Designagenturen im Bereich UX/UI Design der Winter. Ich beobachte um mich herum, dass immer mehr Unternehmen die Relevanz von UX erkannt haben und eigene Ressourcen dafür aufbauen bzw. Mitarbeiter mit den entsprechenden Fähigkeiten einstellen. Digitale Unternehmen besitzen mehr Wissen über Design und haben deutlich höhere Erwartungen. Sie verstehen besser, was sie einkaufen und welche Kosten wo entstehen. Das stellt klassische Designagenturen vor ein Problem: Die wertvolle Dienstleistung „UX Design“ kann der Kunde längst selbst und muss sie nicht mehr teuer einkaufen. Klassische Vertriebsmodelle bei denen der Kunde sein Problem mangels eigener Kapazität oder Fähigkeit bei einer Designagentur abgeben muss und am Ende eine mehr oder weniger passende Lösung erhält, werden immer weniger funktionieren und auch nicht nachhaltig wirken … aber das war in dieser Art der Zusammenarbeit im UX Design ja schon bisher nur selten zu beobachten.

Natürlich wird es weiterhin UX-Designagenturen geben und brauchen. Der frische Blick von außen wird auch weiterhin in der Produktgestaltung bzw. im UX Design ein notwendiges und lukratives Geschäft sein. Ich glaube jedoch, dass in den kommenden Monaten die Agenturen im Bereich UX Design das beste Geschäft machen werden, die sich auf diese geänderte Situation eingestellt haben. 

Es wird neben der Konzeption und Gestaltung von User Interfaces häufiger darum gehen Unternehmen methodisch, fachlich und organisatorisch für erfolgreiche Produktgestaltung zu befähigen. Aus meiner Sicht als Kunde glaube ich, dass UX-Designagenturen zukünftig erfolgreich sein können, wenn sie auf den Designfähigkeiten bzw. dem Wissen ihrer Kunden aufbauen und sie durch Impulse sowie Methoden zur passenden Lösung begleiten.

Future Mobility Days 2017

Vom 10.-11. Februar 2017 finden im Museum für Kommunikation in Nürnberg die Future Mobility Days statt. In 36 Stunden wird in einer Kombination aus BarCamp, Design Thinking Jam und Hackathon an der Mobilität von Morgen gebastelt. Es werden ca. 150 Teilnehmer erwartet, die gemeinsam live erlebbare Konzepte, Prototypen, Apps und sogar Hardware-Komponenten entwickeln, diskutieren und pitchen.

Unsere Städte sind in Bewegung. Und die Art, wie wir uns fortbewegen, hat einen elementaren Einfluss darauf, in welche Richtung es geht: Parkplatzsuche oder Handyticket? Carsharing oder Zweitwagen? Ladesäule oder Tankstelle? Pendeln mit dem Fahrrad oder doch ein Häuschen im Grünen?

Überall wird darüber geredet, welche Veränderungen, Chancen oder Herausforderungen die Digitalisierung auf dem Gebiet der Mobilität mit sich bringen mag. Doch wir finden, es wurde genug geredet. Es ist Zeit, aus Visionen erlebbare Prototypen zu machen.

Deshalb wird auf den Future Mobility Days am 10. und 11. Februar 2017 Mobilität nicht nur neu gedacht – hier wird selbst Hand angelegt!

Mit den Future Mobility Days wollen wir den Austausch zwischen Unternehmen, Startups, Wissenschaft, Entwickler_innen, User Experience Designer_innen, sowie Vertreter_innen aus Politik und Gesellschaft in D/A/CH fördern. Durch die Kombination verschiedener Formate werden alle Teilnehmenden dazu angeregt ihre gewohnten Bahnen und Disziplinen zu verlassen und Mobilität anders zu denken.

Siehe auch

Future Mobility Days am 10. und 11. Februar

Die „Mensch und Computer 2017“ ruft – Call for Speaker

Die Mensch und Computer ruft. Eine der größten europäischen HCI-Konferenzen wirft ihre Schatten voraus. In diesem Jahr steht die Konferenz unter dem Motto „Spielend einfach interagieren“ und findet in Regensburg statt. Bis April 2017 können wieder Beiträge für den Praxisteil der German UPA bzw. Langbeiträge für den wissenschaftlichen Teil der Konferenz eingereicht werden. Für wissenschaftliche Poster, Demos, Videos und Tutorien genügt eine Einreichung bis Juni 2017.

Als Vortragsthemen sind in diesem Jahr beispielsweise denkbar:

  • Usability/UX im Unternehmen
  • Strategisches UX / Usability Engineering
  • Agile & Lean UX
  • Usability/UX Methoden
  • Barrierefreiheit
  • Best Practices
  • Design Utopien
  • Service Design
  • Erfahrungsberichte zu Projekten
  • Karriere als UX Professional

Ausführlichere Informationen zum Einreichungsprozedere sowie entsprechende Vorlagen für den Praxisteil der German UPA (Abstract-Formular, Beitragsvorlage, etc.) findet Ihr hier:

http://muc2017.mensch-und-computer.de/cfp/usability-professionals

Infos zu den Beitragsformen und zum Einreichungsprozedere für den wissenschaftlichen Teil sind hier verfügbar:

http://muc2017.mensch-und-computer.de/cfp/mensch-computer-interaktion

Die Termine im Detail

UP – Beitragsvorschläge mittels Abstract-Formular: 1. April 2017
MCI – Langbeiträge, Workshops: 1. April 2017
MCI – Kurzbeiträge (Poster), Demos, Videos, Tutorien: 3. Juni 2017

Siehe auch

Call for Papers Konferenz „Mensch und Computer 2017“

BITKOM UUX „UX im Spannungsfeld IoT“ – Call for Speakers

Am 15. Februar 2017 findet von 10:30 bis 17:00 Uhr wieder ein Treffen des BITKOM Arbeitskreises Usability & User Experience (UUX) unter dem Motto „Paradigmenwechsel oder Buzzword: UX im Spannungsfeld IoT“ statt. Dieses Mal findet es bei der adesso AG in der Stockholmer Allee 20 in Dortmund statt.

Für dieses Meeting werden noch Sprecher gesucht:

Die Vernetzung und Miniaturisierung von Sensoren und Aktuatoren, zunehmende Rechnerleistung und sinkende Kosten ermöglichen immer vielfältigere Interaktionsformen. Gehören Maus und Monitor also schon bald der Vergangenheit an? Werden wir anstelle dessen zukünftig mit Geräten in einer erweiterten Realität per Sprache kommunizieren? Oder reden die Geräte überhaupt noch mit uns und nicht viel mehr über uns und wissen so bereits automatisch, was autonom zu tun ist? Wir freuen uns auf Ihren Vortragsvorschlag rund um:

  • Internet der Dinge: Interaktion mit vernetzten Systeme
  • Predictive und Anticipatory: User Experience durch Machine Learning und “Empathie”
  • Konzeption und Prozesse: Hand in Hand mit dem Benutzer

Als Einreichung genügt ein prägnanter Titel und ein kurzes Abstract (3 bis 5 Sätze), aus dem hervorgeht, welche der Fragen Sie beantworten wollen und welchen Background Sie und Ihre Unternehmung in diesem Bereich haben.

Bitte reichen Sie Ihre Vortragsvorschläge bis zum 13. Januar 2017 EOB via Mail (f.termer@bitkom.org) ein.

Siehe auch

Arbeitskreis Usability & User Experience (UUX)