Es ist offensichtlich, dass viele Software-Anbietern ihre Zukunft in der Cloud sehen. Interessante Frage ist nun, welcher Weg der Beste ist, um dort möglichst erfolgreich hinzukommen.
Apple hat mit iCloud den aktuell wohl populärsten Ansatz gewählt, um seine Anwender in die Cloud zu bringen. Einen hybriden Ansatz zwischen Cloud- und Desktop-Software bzw. nativer Software (on-premise) bei dem die Daten zwar ins Internet dupliziert werden, aber der Zugang dazu weiterhin über native Software erfolgt, die an bestimmte Geräte gekoppelt ist – in diesem Fall solche mit iOS oder MacOS. Apple wählt hier den risikoärmsten Weg für Anbieter von aktueller Desktop-Software – oder wie Steven Sinofsky (Windows President, Microsoft) sie nannte: „Legacy-Anwendungen“ (Legacy=Altlast). Das Cloud-Angebot wird nur ergänzend neben die aktuelle Produktlinie gestellt. Wenn die Anwender das Angebot annehmen, ist es gut, weil sie sich damit noch stärker an Apple binden. Wenn sie es ablehnen, ist es nicht weiter tragisch, da die Desktop-Software ja auch ohne Cloud funktioniert. Hauptargumente für diese Lösung sind die Nutzung von unterwegs bzw. der gemeinsame Zugriff von unterschiedlichen Geräten auf einen gemeinsamen Datenspeicherort.

Deine Inhalte. Auf all deinen Geräten. iCloud ist viel mehr als eine Festplatte in den Wolken. Es ist eine unkomplizierte Möglichkeit, auf einfach alles auf all deinen Geräten zuzugreifen. iCloud speichert deine Inhalte, sodass sie immer mit iPad, iPhone, iPod touch, Mac oder PC zugänglich sind. (Quelle: http://www.apple.com/de/icloud/what-is.html)

Wie gesagt Apple ist da nur ein Unternehmen unter vielen und soll hier nur als prominentes Beispiel dienen.
Nun stellt sich mir die Frage ob die Nutzung von unterwegs oder der gemeinsame Datenspeicherort tatsächlich den entscheidenden Mehrwert darstellt, der Anwender über die Einstiegshürde der hybriden Cloud springen und diese dauerhaft nutzen lässt?
Um nun diese Frage zu beantworten, möchte ich mal etwas weiter ausholen: In den letzten Wochen überschlagen sich die großen Softwarehersteller förmlich mit der Ankündigung von Upgrades und neuen Produkten.
Auf der einen Seite is es ja ganz nett, dass die digitalen Dinge, die ich so nutze damit hoffentlich meinen Wünschen besser gerecht werden. Aber zu welchem Preis? Ich muss nicht nur dafür bezahlen, sondern mich auch noch damit beschäftigen die Sachen zu installieren und regelmäßig auf dem Laufenden zu halten. Was in meinem Fall bedeutet ca. einen halben Tag zu opfern, um die Handvoll digitalen Kisten in unserem Haushalt auf den neusten Stand zu bringen – und der halbe Tag reicht auch nur, wenn alles klappt.
Bei Unternehmen sieht das ganze noch etwas dramatischer aus: Die werden ja genauso mit diesen Neuerungen beglückt wie ich, nur mit dem Unterschied, dass es hier nicht nur um eine Handvoll digitale Kisten geht. Für Unternehmen, deren Geschäftszweck nicht in der Installation und Wartung von Software besteht, sondern die Software einsetzen um schneller, besser, effizienter, usw. arbeiten zu können, stellen Installation und Wartung von Software und Hardware große Kostenblöcke und Hindernisse dar. Das ein wichtiger Grund warum viele Unternehmen, die eigentlich keinen IT-Geschäftszweck haben, eine eigene IT-Abteilung unterhalten.
Hybride Cloud-Angeboten lassen genau diesen Punkt außer Acht. Sie bringen zwar Daten an eine Stelle, von der aus diese von unterwegs aufrufbar sind. Der Preis dafür ist aber, dass die heute schon sehr komplexen Software-Systeme um eine weitere Komponente erweitert werden und die Komplexität dadurch weiter steigt. Es fällt kein Aufwand weg, sondern es kommt eigentlich nur zusätzlicher Aufwand hinzu. Das ist ganz und gar nicht im Sinne einer guten User Experience. Aus meiner Sicht ist die Zahl der Unternehmen, die bereit sind diesen Preis zu bezahlen, um ihre Daten flexibler abrufen können, begrenzt. Dazu kommt, dass viele Unternehmen bereits eine Lösung für einen flexibleren Datenzugriff gefunden haben. Von Datenschutzbedenken mal ganz zu schweigen.
Hybride Cloud-Angebote sind ein Ansatz für diejenigen, die sich nicht sicher sind, ob die Cloud für sie gewinnbringend sein wird und sich offen lassen wollen, ob sie den Weg ins Internet gehen oder nicht. Es ist ein Ansatz um vorsichtige Anwender mit einer geringen Einstiegshürde erstmal in die Cloud zu bringen. Es ist ein Ansatz, der sicherlich für den einen oder anderen kurzfristig gewinnbringend ist, z.B. IT-Dienstleister. Es ist aber aus meiner Sicht kein langfristig und nachhaltig erfolgreicher Ansatz.
Ich glaube, dass der Weg der hybriden Cloud-Anwendungen von einigen Unternehmen beschritten wird, da es dieser ermöglicht bestehende Software – die eigentlich nicht Cloud-fähig ist – zu erweitern und nicht zwingend bedeutet alles neu zu entwickeln. Übersehen wird dabei gern, dass diese bestehenden Software-Produkte meist nicht zur Arbeitsweise von internetbasierten Anwendungen passen und die User Experience zwischen altem erweiterten Software-Teil und dem neuen Cloud-Teil dadurch meist nicht angenehm werden kann.
Aus meiner Sicht müssen Cloud-Lösungen einen derart großen Mehrwert bieten, dass Unternehmen Desktop-Software durch Cloud-Angebot zu ersetzen. Die Einsparung von Kosten für die Installation und Wartung von Software sowie komplexe Client-Server-Systeme ist ein großer Anreiz. Unternehmen können sich dadurch auf ihren eigentlichen Geschäftszweck konzentrieren.
Gute und erfolgreiche Cloud-Lösungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie technische Aufwände, wie z.B. Installation und Wartung von Software, von den Anwendern weg hin zu den Anbietern verlagern. Außerdem zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie weitestgehend unabhängig von speziellen Plattformen, d.h. browserbasiert, sind. Es werden die Geräte als Zugang genutzt, die zum Verwendungszweck passen und aus Unternehmenssicht sinnvoll bzw. kostengünstig sind. Es lassen sich weitere Einspareffekte erzielen, da die Anforderungen an die anwenderseitige Hardware dadurch sinken.
Zugegeben diese Idee ist nicht neu. Google macht gerade im Stillen mit Bravour vor, wie man mit Cloud-Lösungen erfolgreich Unternehmen und öffentliche Einrichtungen als Kunden gewinnt – Stichworte: Google Apps (Mail, Kalender, Docs, …) und Chrome Books. (http://goo.gl/lv1g)
Durch reine internetbasierte Angebote gewinnen nicht nur die Anwendern. Auch die Anbieter bzw. Softwarehersteller gewinnen dadurch. Durch eine vollständige Verlagerung der Software auf die Anbieterseite minimiert sich ein großer Teil des Releasemanagements – nämlich die Softwareauslieferung. Außerdem entfallen bei reinen Cloud-Angeboten einige Risiken bei der Einführung von neuen Produkten. Beispielsweise besteht ein deutlich geringeres Risiko, dass Anwender nicht die neue Version installieren und somit den Anbieter zwingen zwei Software-Varianten parallel zu pflegen.
Zusammengefasst sind für mich folgende Mehrwerte für Cloud-Angebote aus Anwendersicht erfolgsentscheidend:
* Keine Installation von Software
* Keine Updates von Software – zumindest keine die man als Anwender installieren muss.
* Geringere Hardware-Anforderungen
* Plattformunabhängiger Zugriff auf das Angebot von jeder Art digitalem Gerät (Smartphone, Tablet, Laptop) – man nutzt das Angebot auf dem Gerät, was für den aktuellen Nutzungskontext am besten geeignet oder gerade verfügbar ist.
Wenn diese Mehrwerte geschaffen werden und der Anbieter aus Anwendersicht vertrauenswürdig ist, dann steht einer erfolgreichen Cloud-Zukunft aus meiner Sicht nichts im Wege.

Kategorien: Designstrategie

Ulf Schubert

Ulf ist Experte für Customer/User Experience, Design Management und Touchpoint Management. Er ist bei DATEV als Senior Head of UX & Touchpoint Experience für das Produktdesign der DATEV Produkte und die Customer Experience an allen Kunden-Kontaktpunkten der DATEV verantwortlich. Davor hat er mit seiner Agentur openeyes bzw. später bei SirValUse Unternehmen, wie z.B. eBay, Microsoft, OTTO, Axel Springer und MINI, zu User Experience, Innovation und Design beraten. Er engagiert sich über Bitkom und German UPA für besseres Digital Design in Deutschland. Er teilt seine Erfahrungen über Vorträge auf Konferenzen und Trainings. Er ist einer der Gründer und Organisatoren des UX Stammtisch Franken.