Mensch und Computer 2025 – Digitale Teilhabe, KI für UX & UX-Management

In diesem Jahr durfte ich an einer ganz besonderen Ausgabe der Mensch und Computer an der TU Chemnitz teilnehmen. Es war das 25-jährige Jubiläum der größten deutschsprachigen Konferenz für UX-Professionals. Unter dem Motto „Digital Diversity“ kamen ca. 570 Teilnehmende zusammen, um über Themen rund um UX, HCI und menschzentrierte Ansätze zu diskutieren. Die Konferenz war vollgepackt mit Beiträgen aus Wissenschaft und Praxis: 3 Keynotes, 17 Workshops, 37 Full Papers, 56 Short Papers, 24 Praxis-Präsentationen, 7 Workshops, 9 Tutorials, 14 Demos, 25 Work-in-Progress Contributions for Early Research, 2 Panels zu „Healthcare“ und „Knowledge, Skills & AI“, 37 Barcamp-Sessions sowie 10 Sitzungen der German UPA Arbeitskreise.

Ulf Schubert vor einem Banner der Mensch und Computer 2025

In diesem Bericht möchte ich die wesentlichen Themen meines Konferenzbesuches zusammenfassen. Wie immer bei meinen Konferenzberichten gilt, dass das meine ganz persönliche Sicht auf diese Konferenz ist. Der Bericht bezieht sich nur auf den Ausschnitt der Sessions, die ich mir angeschaut habe.

Künstliche Intelligenz und ihre Gestaltung

Das wohl allgegenwärtigste Thema war künstliche Intelligenz – und zwar aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Die Keynote von Mark Coeckelbergh (Universität Wien) fand ich etwas bedrückend. Mark zeigte auf, wie KI demokratische Strukturen gefährden kann, weil durch diesen technologischen Wandel Autonomie geschwächt, Macht bei einigen wenigen großen Technologie-Konzernen konzentriert und Polarisierung gefördert werden kann. Gleichzeitig betonte er aber auch, dass KI auch zum Motor für Demokratie werden kann – etwa durch Ansätze wie die Habermas Machine, die demokratische Prozesse unterstützt, oder durch Systeme, die gesellschaftliche Biases sichtbar machen.

Henning Frechen (Fraunhofer IIS), Katrin Götzer (Mai eresult), Jonas Meier (senswork) sprachen über die Anwendung von KI in der industriellen Praxis. In ihrem Beitrag beschäftigten sie sich mit ergonomischen Leitplanken für das Training von KI-Systemen. Ihr Ziel ist es, das Training von KI-Systemen so zu gestalten, dass auch Domänenexpert:innen ohne tiefes KI-Know-how das Training übernehmen können. Leider konnten sie die finalen Leitplanken noch nicht vorstellen.

Sehr praxisnah fand ich den Vortrag von Eilika Freund (MaibornWolff). Sie zeigte, dass die Akzeptanz von KI-Assistenten nicht allein von Funktionalität abhängt. Persönlichkeit, Tonalität und Transparenz sind für den Erfolg von KI-Assistenten entscheidend. Sie betonte, dass UX-Writing zum zentralen Erfolgsfaktor für KI-Assistenten wird.

Vorgehen bei der Entwicklung einer Markenstimme von Eilika Freund
Vorgehen bei der Entwicklung einer Markenstimme (Eilika Freund)

Einen wichtigen ethischen Akzent setzten Veronika Langner und Clemens Lutsch (German UPA AK Ethik). Sie stellten ein Positionspapier für menschgerechte KI vor. Die zentrale Botschaft: Nutzer:innen müssen immer wissen, ob sie mit einem Menschen oder einem System sprechen. Darüber hinaus warfen sie Fragen auf, die für die Gestaltung von KI-Assistenten sehr relevant sind:

  • Wie transparent müssen Systeme sein?
  • Wie verhindern wir, dass emotionale Nähe zwischen KI und Mensch zu Abhängigkeiten oder gar Sucht führt?
  • Welche ethische Verantwortung tragen Designer:innen, wenn Systeme Emotionen simulieren?

Der Beitrag zeigte, dass ethische Aspekte bei der Gestaltung von KI-Assistenten deutlich mehr berücksichtigt werden müssen, wenn wir mit KI-Assistenten am Ende nicht dazu beitragen wollen, dass die Fähigkeit der Menschen beeinträchtigt wird, zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen.

Ich habe in meinem Beitrag über die Auswirkungen von UI-Generatoren auf das UX-Design gesprochen. UI-Generatoren, wie z.B. Figma AI oder UX Pilot, werden nicht nur die Entwurfsprozesse beschleunigen. Sie werden die Art und Weise des Anforderungsmanagements stark verändern. So schön die Effizienzvorteile sind: Nachdem UI-Generatoren allen Unternehmen zur Verfügung stehen, wird es zunehmend schwerer, sich im Markt durch Produktgestaltung zu differenzieren. Differenzierung entsteht zukünftig viel mehr im gestalterischen Detail, durch Markenidentität und personalisierte Journeys.

Auch im Barcamp der German UPA wurde KI breit diskutiert – von Human-AI-Teaming über Ethikfragen bis zur Nachwuchsausbildung im KI-Zeitalter. 

Digitale Teilhabe und Barrierefreiheit

Ein weiteres großes Thema der Konferenz war digitale Teilhabe. Sonja Wilczek (DigitalService) erinnerte in ihrer Keynote daran, dass digitale Teilhabe auch gesellschaftliche Teilhabe bedeutet. Sie beobachtet eine digitale Spaltung. Noch immer sind in Deutschland 4 % der Bevölkerung offline und mehr als die Hälfte nur mit geringen Digitalkompetenzen ausgestattet. Sie betonte die Schlüsselrolle der UXler:innen für die Sicherstellung von digitaler Teilhabe, z. B. durch barrierefreie User Interfaces. Sie sagte, dass die nutzerzentrierte Produktentwicklung essenziell für eine funktionierende digitale Gesellschaft in Deutschland ist.

Sehr spannend fand ich persönlich die Barcamp-Session von Markus Erle (axes4) zur Barrierefreiheit von Transaktionsdokumenten. Er zeigte, wie barrierefreie PDFs in produktiven Legacy-Workflows automatisiert erstellt werden können.

Und auch im Barcamp drehte sich vieles um Accessibility: von der Barrierefreiheit von Mobilgeräten bis hin zu inklusivem User Research.

Organisation von UX – Stakeholder, Macht und strategische Verankerung von UX

Ein anderer großer Themenblock betraf die Frage, wie wir als UX-Professionals strategisch wirken und organisatorisch bzw. persönlich an Einfluss gewinnen können.

Katja Busch griff in ihrem wunderbaren Vortrag das Thema Macht auf. Sie machte deutlich, dass Kompetenz allein nicht reicht, um wirksam zu sein. Erst wenn wir die verschiedenen Formen von Macht (Expertenmacht, Prozessmacht oder Positionsmacht …) verstehen und bewusst einsetzen, können wir Entscheidungen mitgestalten. Gut fand ich, dass sie explizit betont hat, dass Macht weder gut noch böse ist. Es kommt darauf an, was man damit macht. Sie betonte, dass UX-Professionals bewusster mit Experten-, Positions- und Prozessmacht umgehen und danach streben sollten.

Dominique Winter (Die Produktwerker) stellte in seinem Beitrag einen wichtigen Baustein für das UX-Management und die Produktentwicklung vor – die Produktvision. Er betonte, dass ohne ein gemeinsames Zielbild Entscheidungen im Team auseinander driften können. Eine klar formulierte Vision hilft, Kräfte im Team zu bündeln und UX klar zu verankern.

Muster für eine Produktvision (Dominique Winter)
Muster für eine Produktvision (Dominique Winter)

In meinem Beitrag habe ich gezeigt, dass Stakeholder-Management eine zentrale Führungsaufgabe ist. Es geht darum, eine klare Positionierung zu entwickeln, vertrauensvolle Beziehungen gezielt aufzubauen, die Sprache und Bedürfnisse der Stakeholder zu verstehen und systematisch zu kommunizieren. So lässt sich UX nachhaltig verankern und als treibende Kraft mit Business Impact etablieren.

Besonders gelungen fand ich den Workshop des German UPA AK UX-Management unter der Leitung von Andreas Hinderks und Dominique Winter. Darin wurde eine konkrete Fallstudie zur Verbesserung der Organisation eines UX-Research-Teams bearbeitet. Es war schön zu spüren, wie viel Expertise zum Thema UX-Management auf der Konferenz vertreten war.

Organisationsthemen zu UX tauchten auch im Barcamp mehrfach auf – etwa in Sessions zu UX & Agile – Continuous Discovery in a nutshell, UX- und HCI-Standards, Alignment mit Jobs-to-be-done, UX & RE, Führung von konsistentem Produktdesign und UX-Writing als Management-Werkzeug.

Impulse, Erfahrungsberichte und Alltagspraktiken

Neben den großen Themen gab es viele wertvolle Impulse für die alltägliche Arbeit von UX-Professionals.

Amelie Bustorff und Sarah Bacher (HdM) berichteten aus dem Projekt BIRD, wie agile Entwicklung und UX in einem Forschungsumfeld funktionieren können. Aktuell beobachten sie, dass agile Arbeitsweisen u.a. durch strukturelle Hürden im wissenschaftlichen Kosmos noch nicht weit verbreitet sind. Besonders wichtig war für sie die Erkenntnis, dass klare Kommunikation und flexible Planung entscheidend sind, um Forschung und UX erfolgreich zusammenzubringen. Sie zeigten auf, dass es wichtig ist, die Fachbegriffe gut zu erklären, die Arbeitsweisen flexibel anzupassen und dass ein gutes fachliches Grundverständnis die UX verbessert.

Nicole Filz (elevait) stellte mit ihren Persona Cards ein wunderbares Beispiel vor, wie kleine Teams mit wenig Ressourcen das Wissen zur Zielgruppe im Unternehmen verbreiten können. In ihrem zweiten Vortrag zeigte sie außerdem, wie UX im Alltag eines schnell wachsenden Startups verankert werden kann. Sie beschrieb Formate wie Coffee-Tests, UX-Ambassadors im Unternehmen und schlanke Research-Methoden, die helfen, trotz knapper Kapazitäten kontinuierlich Nutzerfeedback einzubeziehen. Ihre Botschaft war, dass man auch mit begrenzten Ressourcen UX-Kultur und Nutzerzentrierung nachhaltig etablieren lassen, wenn man pragmatisch und kreativ vorgeht.

Persona Cards von Nicole Filz
Persona Cards von Nicole Filz

Isabel Unger (SAP) präsentierte in ihrem beeindruckenden Vortrag ein umfassendes Kompetenzmodell für User Behaviour Analytics. Sie beschrieb darin die Kompetenzen, die UX-Teams brauchen, um quantitative Verhaltensdaten gut nutzen zu können. UX-Teams brauchen nicht nur Statistik-Skills, sondern auch Kompetenzen in strategischer Kommunikation und interdisziplinärer Zusammenarbeit, um aus Verhaltensdaten echte Verbesserungen ableiten zu können.

Community und Weiterentwicklung der Disziplin

Ich war auch nun schon einige Male auf der MuC. Und auch in diesem Jahr kam wieder das Klassenfahrt-Gefühl auf. Das Barcamp der German UPA hatte für mich daran einen großen Anteil. Auf diesem wurden nicht nur methodische und fachliche Themen diskutiert. Themen wie Nachwuchsförderung, UX-Communities gründen und beleben, Akkreditierung für UX-Professionals oder Nachhaltigkeit in der Entwicklung zeigten, wie und wo wir uns als Disziplin weiterentwickeln.

Awards

Ein Highlight war für mich in diesem Jahr die Verleihung der Awards. Es gab einige Awards zu gewinnen, die die besten Beiträge aus Forschung bis Praxis würdigten. Vier Awards davon möchte ich besonders hervorheben:

  • Es hat mich sehr gefreut, dass Katja Busch mit dem UX Achievement Award ausgezeichnet wurde. Ich schätze Katja sehr für ihr Wirken rund um UX-Themen. Sie ist für mich eine der Vordenkerinnen und Leitfiguren für UX-Management.
  • Der Award für Best Tutorial und Best Session der gesamten Konferenz ging an Tara Bosenick für ihr Tutorial zu “2,5 Jahre AI in UX – Coole Learnings und Vermeidung krasser Fails”. Das ist eine wundervolle Würdigung des Engagements, das Tara seit Einführung von ChatGPT in die Nutzung von KI im UX-Bereich gesteckt hat.
  • Und zu guter Letzt ging der Best Presentation Award an mich für meinen Beitrag zu Stakeholder-Management. Was für ein Lob. Vielen Dank.

Fazit

Die Mensch und Computer 2025 hat sich um die richtigen Themen und wesentlichen Veränderungen im UX-Bereich gedreht: KI im UX-Bereich, Barrierefreiheit & digitale Teilhabe und UX-Management. Es war sehr schade, dass einige der großen Unternehmen und UX-Agenturen, die im UX-Bereich vorn dran sind, in diesem Jahr nicht vertreten waren. Vielleicht lag es am etwas ungünstig erreichbaren Ort Chemnitz oder der Überschneidung mit der Urlaubszeit oder vielleicht an den aktuellen Sparmaßnahmen vieler Unternehmen.

Ich nehme mir für meine Arbeit von der Konferenz für die kommenden Monate mit:

  • das gute Gefühl eines starken Zusammenhalts in der UX-Community. Es ist einfach schön zu sehen, wie sehr sich UX-Professionals aus unterschiedlichen Unternehmen gegenseitig unterstützen. Das gibt Kraft.
  • den Bedarf, KI-Werkzeuge weiter und intensiver in UX-Prozesse zu integrieren, um dafür zu sorgen, dass wir UXler:innen in der rasanten Entwicklung mithalten und durch positive UX unseren Unternehmen gerade in stürmischen Zeiten dabei helfen, erfolgreich zu bleiben. Dabei ist es jetzt an der Zeit in die Details der Optimierung von UX-Prozessen und -Methoden konkreter einzusteigen.
  • die Notwendigkeit, KI-Werkzeuge nicht nur blind anzuwenden, sondern sich auch intensiv mit ethischen Aspekten und gesellschaftlichen Auswirkungen zu beschäftigen.
  • und dass weiterhin notwendig ist, Kompetenzen für UX-Management in die UX-Community zu tragen.

Insgesamt war die Mensch und Computer 2025 eine tolle Erfahrung mit vielen wertvollen Impulsen. Vielen Dank für die vielen sehr guten Gespräche. Es war sehr schön, mit so vielen kompetenten UXler:innen zu sprechen. Ich freue mich auf’s nächste Jahr.

Lesetipp

Einen weiteren lesenswerten Konferenzbericht zur Mensch und Computer findest Du bei meiner Kollegin Franzi: https://www.franzidesign.de/post/mensch-und-computer-2025

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