Dieser Blogbeitrag ist für Dich gedacht, wenn Du gern auf dem UX-Leadership-Barcamp eine Session anbieten möchtest und Du noch keine oder sehr wenige Barcamp-Sessions selbst moderiert hast.
Er dreht sich im die Fragen: Wie bereite ich das vor? Was, wenn keiner kommt? Was unterscheidet eine gute von einer mittelmäßigen Barcamp-Session?
Wenn du zum ersten Mal eine Session bei einem Barcamp anbietest, kann sich das anfühlen wie ein Sprung ins kalte Wasser. Dabei ist es einfacher als gedacht. Barcamps leben von Austausch statt Perfektion, von echten Gesprächen statt durchgetakteten Präsentationen.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Wichtigste an der Barcamp-Session ist der Austausch.
- Wähle ein konkretes, eingegrenztes Thema.
- Die ersten 3 Minuten entscheiden. Erkläre klar, worum es geht und was du vorhast.
- Binde Teilnehmende früh ein. Je schneller sie sie sich aktiv beteiligen, desto engagierter bleiben sie in der gesamten Session.
- Authentizität schlägt Perfektion
- Bei größeren Gruppen brauchst du strukturiertere Formate.
- Plane nur für 60-70% der Zeit, denn die Gespräche dauern meist länger als erwartet.

Was macht eine Barcamp-Session anders?
Bevor wir in die Vorbereitung einsteigen, lass uns kurz klären, was eine Barcamp-Session überhaupt ist. Ein Barcamp wird oft als “Unkonferenz” bezeichnet. Im Gegensatz zu klassischen Konferenzen gibt es kein vorher festgelegtes Programm. Stattdessen schlagen die Teilnehmenden am Morgen selbst Sessions vor.
Es geht nicht darum, als Expert:in auf der Bühne zu stehen. Eine Barcamp-Session lebt vom Dialog. Du kannst
- ein Thema einbringen, an dem du gerade arbeitest,
- eine Frage stellen, die dich beschäftigt, oder
- eine methodischen Ansatz vorstellen, zu dem du Feedback suchst.
Als UX-Professionals ist das für Dich eigentlich ein vertrautes Format. Ähnlich wie bei einem Research-Debrief oder einem Design-Critique geht es darum, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und voneinander zu lernen.
Das richtige Thema finden
Die Themenwahl ist der erste Stolperstein. Viele denken, sie müssten ein Thema wählen, in dem sie bereits Expert:in sind. Das kannst Du machen, musst es aber nicht. Eine gute Barcamp-Session kann auch aus echter Neugier oder der Diskussion aktueller Herausforderungen entstehen.
Je konkreter Dein Thema ist, um so besser. Statt “Prozesse im User Research” funktioniert “Wie organisiere ich die Rekrutierung von Testpersonen im B2B-Umfeld” besser. Oder, statt “Design-Management” ist “Konsistente Produktgestaltung in einem komplexen Produktportfolio” zielführender.
Hier sind ein paar Beispiele für gut formulierte Session-Themen:
- “Stakeholder-Management bei widersprüchlichen Anforderungen”
- “Quantitative UX-Metriken für kleine Teams: Was ist realistisch?”
- “Testinfrastruktur für Barrierefreiheit für viele Entwicklungsteams”
Frag dich bei der Themenwahl: Was beschäftigt mich gerade? Wo stecke ich fest? Was möchte ich von anderen lernen? Diese Fragen führen zu authentischen Sessions, die Menschen anziehen.
Vorbereitung: So viel wie nötig, so wenig wie möglich
Jetzt wird’s praktisch. Wie bereitest Du Deine Barcamp-Session vor, ohne dich zu verzetteln? Am besten klärst Du vorher folgende Fragen:
- Was ist dein Ziel? Willst du Wissen teilen, ein Problem gemeinsam lösen, Erfahrungen sammeln oder Ideen entwickeln?
- Was sollen die Teilnehmenden mitnehmen? Eine konkrete Methode? Neue Perspektiven? Praxistipps?
- Was brauchst du von den Teilnehmenden? Ihre Erfahrungen? Meinungen? Feedback zu einem konkreten Problem?
Diese drei Fragen geben Dir einen roten Faden. Wenn Du sie beantworten kannst, hast Du bereits die halbe Vorbereitung hinter dir.
Eine Barcamp-Session zum Thema “Research Insights, die nicht umgesetzt werden” kann beispielsweise so aussehen:
- Eine kurze Schilderung eines eigenen Falles (3 Minuten)
- Die Frage: “Wer kennt das auch? Was waren eure Gründe?”
- Ein Flipchart mit der Überschrift “Warum scheitert’s?” zum gemeinsamen Sammeln
Mehr brauchst Du für diese Frage nicht.
Die Moderation Deiner Session
Am Barcamp-Tag bist Du irgendwann in Deinem Session-Raum und die ersten Leute trudeln ein. Wie gut die nächsten 30-45 Minuten werden, entscheidet sich in den ersten drei Minuten. Wenn Deine Sessionzeit startet, leg los:
- Stell dich kurz vor: Wer bist du, warum das Thema?
- Erkläre, worum es geht: Was ist das Thema, warum ist es relevant?
- Mach transparent, was du vorhast: “Ich möchte kurz einen Fall schildern, dann würde ich gerne eure Erfahrungen dazu hören.”
Dieser klare Rahmen nimmt Unsicherheit raus, bei dir und bei den Teilnehmenden.
Vorstellungsrunden kosten zu viel Zeit, daher verzichte einfach auf klassische Vorstellungsrunden. Am besten stellen sich die Teilnehmenden kurz mit Namen und Unternehmen vor, wenn sie sich in die Diskussion einbringen. Alternativ kannst Du einen kurzen Check-In machen. In diesem haben die Teilnehmenden insgesamt 3 min Zeit sich einzuchecken und mit ihrem Namen sowie Anliegen vorzustellen.
Du bist Ermöglicher:in, nicht Performer:in: Deine Aufgabe ist es nicht, 30 oder 45 Minuten zu füllen, sondern einen Raum für gute Gespräche zu öffnen. Das kannst Du erreichen, in dem Du Fragen stellst. Höre aktiv zu und knüpfe Verbindungen: “Das passt gut zu dem, was XY gerade über ihre Stakeholder gesagt hat.”
Interaktion von Anfang an: Binde die Gruppe früh ein. Eine einfache Frage wie “Wer von euch hat damit schon mal zu tun gehabt?” holt die Leute ab. Je früher Menschen sprechen, desto eher bleiben sie engagiert. Selbst ein kurzes Handzeichen oder Nicken schafft Verbindung.
Die Energie im Raum lesen: Beobachte die Gruppe. Nicken sie? Schauen sie auf ihre Laptops? Wirken sie verwirrt? Trau dich, spontan nachzufragen: “Ist das nachvollziehbar?” oder “Passt die Richtung für euch?”. Manchmal merkst du, dass ein anderer Aspekt die Gruppe mehr interessiert – dann schwenke um. Das ist keine Schwäche, sondern gute Moderation.
Formate und Interaktionstechniken
Es gibt verschiedene Wege, eine Barcamp-Session zu gestalten. Bewährte Formate sind:
Offene Diskussion: Du gibst einen Impuls, stellst Fragen, die Gruppe diskutiert. Funktioniert gut bei 6-12 Personen und wenn die Leute redefreudig sind.
Vortrag: Du stellst ein Thema detailliert vor und gibst der Gruppe Raum für Verständnisfragen.
Visualisierung am Board: Sammelt gemeinsam Ideen, Erfahrungen oder Probleme auf dem Whiteboard / Miro. Clustert sie dann gemeinsam. Das macht abstrakte Diskussionen greifbar und schafft ein gemeinsames Artefakt.
In Barcamps, die in Person und vor Ort stattfinden, kannst Du auch noch auf diese Formate zurückgreifen:
Kleingruppen-Diskussion: Teile die Gruppe für 10 Minuten in kleinere Grüppchen (3-4 Personen), die eine konkrete Frage diskutieren. Danach holt ihr die Erkenntnisse ins Plenum. Das senkt die Hemmschwelle und bringt auch Stillere ins Gespräch.
Think-Pair-Share: Jede:r denkt 2 Minuten für sich über eine Frage nach, tauscht sich dann mit einer Nachbarperson aus, danach geht’s ins Plenum. Bewährt sich besonders bei komplexeren Fragen.
Welches Format passt, hängt von Gruppe und Thema ab. Als Faustregel: Je größer die Gruppe, desto strukturierter das Format.
Besonderheiten bei größeren Gruppen
Wenn 15 oder mehr Personen in deine Session kommen, ändert sich die Dynamik. Hier die wichtigsten Anpassungen:
Moderation wird kritischer. Mit vielen Leuten brauchst du eine klarere Struktur. Du musst aktiver steuern, damit nicht nur die lautesten Stimmen dominieren. Etabliere einfache Regeln: Handzeichen statt Reinrufen, ausreden lassen, auf den Punkt kommen.
Zeitmanagement verschärfen. Große Gruppen brauchen mehr Zeit für alles. Kalkuliere das ein und sei konsequent beim Zeithalten. Setze klare Zeitfenster für einzelne Diskussionspunkte: “Wir haben jetzt 15 Minuten für eure Erfahrungen, dann schauen wir gemeinsam auf Lösungsansätze.”
Aktivierung aller. Nutze Techniken, die auch Stillere einbeziehen. “Wer hat noch eine andere Perspektive?” oder “Wer hat damit andere Erfahrungen gemacht?”. Manche mögen auch stille Beteiligungsformen. Lass sie Gedanken auf Post-its schreiben, die ihr dann gemeinsam sortiert.
In meiner Arbeit mit größeren Stakeholder-Gruppen hat sich gezeigt: Kleingruppen-Phasen sind bei großen Sessions oft der Rettungsanker. Sie geben allen Raum zum Sprechen und bringen fokussiertere Ergebnisse.
Der Abschluss: Die letzten 5 Minuten zählen
Viele Sessions laufen einfach aus, weil die Zeit vorbei ist. Verschenk diese Chance nicht. Die letzten 5 Minuten nutzt du bewusst:
Fasse kurz zusammen: Was waren die wichtigsten Erkenntnisse? Was haben wir gelernt? Du musst nicht alles wiederholen – 3-4 Kernpunkte reichen.
Offene Fragen klären: Gibt es etwas, das noch unklar ist? Gibt es Themen, die weiterdiskutiert werden sollten?
Follow-up anbieten: Wenn es gut gelaufen ist, wollen Menschen oft weiter im Austausch bleiben. Sag, wie man dich erreichen kann. Manche Sessions führen zu spontanen Meetups oder weiterführenden Diskussionen.
Ein konkreter Abschluss gibt der Session Wertigkeit und zeigt: Das war keine Zeitverschwendung, sondern ein bewusster Austausch.
Häufige Sorgen und wie du damit umgehst
“Was, wenn keiner kommt?” Das passiert selten, aber wenn, dann nicht persönlich nehmen. Manchmal liegen mehrere spannende Sessions parallel. Nutze die Zeit für ein 1:1-Gespräch mit den 2-3 Personen, die da sind. Oft entstehen so die intensivsten Diskussionen.
“Was, wenn ich keine Antwort weiß?” Das ist völlig okay und sogar erwünscht. Sag ehrlich: “Gute Frage, da bin ich überfragt. Hat jemand anders Erfahrungen damit?” Barcamps sind keine Prüfungen. Niemand erwartet, dass du allwissend bist.
“Was, wenn die Diskussion einschläft?” Hab 2-3 Backup-Fragen parat. “Lasst uns konkreter werden: Wie würde das in eurem Alltag aussehen?” oder “Welche Hürden seht ihr dabei?” bringen oft neue Energie rein. Und manchmal ist Stille auch okay. Gib den Leuten Zeit zum Nachdenken. Und, wenn die Diskussion früher zu Ende ist, als die Session, dann ist das auch ok.
“Was, wenn jemand die Session dominiert?” Greif freundlich, aber bestimmt ein: “Danke für deine Perspektive. Lass uns auch andere Stimmen hören. Wer hat dazu eine andere Sicht?” Das signalisiert Vielfalt ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen.
“Was, wenn Leute gehen?” Das gehört zum Barcamp-Konzept. Nimm es nicht persönlich. Die “Regel der zwei Füße” ist für alle da. Manche merken, dass das Thema doch nicht passt, andere müssen zu einer anderen Session. Das ist völlig legitim.
Authentizität schlägt Perfektion
Nach all diesen Tipps der wichtigste Punkt zum Schluss: Sei du selbst. Die Barcamp-Community ist in der Regel wohlwollend und offen. Menschen spüren, wenn du echt interessiert bist und wirklich im Austausch sein willst. Das ist wertvoller als jede perfekt durchgeplante Präsentation.
Nervosität ist übrigens völlig normal, auch bei erfahrenen Session-Geber:innen. Du darfst das ruhig zugeben: “Erste Barcamp-Session, ich bin gespannt, wie’s läuft!” Das macht dich menschlich und senkt auch bei anderen die Hemmschwelle.
Plane deine Session für maximal 60-70% der Zeit. Der Rest füllt sich durch Diskussionen, Nachfragen und spontane Wendungen. Lieber ein Aspekt vertieft als fünf Themen oberflächlich angerissen.
Und denk daran: Auch wenn nicht alles perfekt läuft – du hast Menschen zusammengebracht, die sich sonst vielleicht nicht ausgetauscht hätten. Allein das ist schon wertvoll.
Dein nächster Schritt
Jetzt liegt es an dir. Beim nächsten Barcamp, das du besuchst, überlege dir: Welches Thema beschäftigt mich gerade? Worüber würde ich gerne mehr erfahren? Und dann trau dich, deine Hand zu heben, wenn das Session-Planning ansteht.
Die erste Barcamp-Session ist wie der erste Usability-Test, den du moderiert hast: aufregend, manchmal holprig, aber am Ende fast immer bereichernd. Du wirst überrascht sein, wie viel du selbst dabei lernst.
Viel Erfolg bei deiner ersten Session.