Am dritten Tag der CHI 2017 in Denver wurde es dann politisch. Der Internetaktivist Wael Ghonim, der 2011 durch seinen aktiven Einfluss auf die Revolution in Ägypten über Facebook bekannt wurde, sprach über die positiven und negativen Effekte, die soziale Medien auf das politische Geschehen und die Demokratie haben können. 

Soziale Medien haben ihre positiven Seiten. Es ist einfacher Gleichgesinnte zu finden und sich als Gruppe Gehör zu verschaffen. Es gibt nicht mehr den einen leicht manipulierbaren Hauptkanal für Informationen. Informationen verteilen sich über eine Vielzahl von Kanälen. Auf der negativen Seite ermöglichen soziale Medien durch ihre extreme Personalisierung der Inhalte politische Propaganda. Die Mechanismen von gezielter und personalisierter Werbung wurden und werden für dunkle Werbekampagnen genutzt. So soll Trump über diesen Weg gezielt Falschinformationen über Clinton an deren Wähler verteilt haben, die dann dazu führten, dass diese ihn wählten. Die Algorithmen ermöglichen heute politische Propaganda in der durch gezielte Falschinformationen demokratische Entscheidungen beeinflusst werden. Er bezeichnet diesen Effekt als Mobocracy (rule by the mob; the mob as a ruling class). 


Die Algorithmen von sozialen Medien sind auf User Engagement optimiert, dass soziale Medien User Engagement und Produktnutzung über Werbung monetarisieren. Die Algortihmen fördern es auf der einen Seite, dass Anwender mehr davon sehen, was sie interessiert und was sie hören wollen. Anwender werden dadurch zum anderen aber in Echo Chambers gefangen, in denen sie nur noch ihre eigenen Meinung wiederholt hören. Die Algorithmen der sozialen Medien belohnen Sensationsmeldungen und Trollen mehr als eine echte kritische und sachliche Auseinandersetzung mit Themen. Er hat die Erfahrung gemacht, dass beispielsweise Schimpfworte deutlich mehr Aufmerksamkeit bringen, als sachliche Berichterstattung. Die Süße der Sensationsmeldungen verleitet Menschen dazu Junk-Informationen zu bevorzugen. Da die klassischen Medien mit diesen Effekten arbeiten müssen, um zu überleben, sinkt auch die Qualität der journalistischen Berichterstattung. Heutige sozialen Medien incentivieren Narzisten.

Er ging dann auf ein paar Miskonzeptionen ein:

  • Das Zusammenbringen von Menschen ist nicht immer positiv. Es kann dazu führen, dass Menschen mit seltenen extremistischen Ansichten sich einfacher zusammentun können und dadurch an Stärke gewinnen, obwohl die Mehrheit der Gesellschaft diese Ansichten ablehnen.
  • Soziale Medien suggerieren, dass sie die Redefreiheit fördern. In Wirklichkeit sind sie aber nur „Redeverstärker“. 
  • Soziale Medien führen durch das Hervorheben von viel gelikten Beiträgen zu dem Eindruck, dass es sich dabei um legitime Beiträge handelt. Popularität wird mit Legitimität gleichgesetzt.
  • Durch User Research und Human Centered Design wird das negative Verhalten in sozialen Medien gefördert, da nur in Richtung der Kundenbedürfnisse designt wird, ohne die gesellschaftlichen Auswirkungen zu betrachten. („People love to be in der their echo chambers.“)

Er fordert Technologieunternehmen dazu auf sich der gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer Produkte mehr bewusst zu werden und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Es bedarf neuer Geschäftsmodelle, um die negativen Auswirkungen der werbeorientierten Algorithmen einzudämmen. Technologieunternehmen müssen das Wohlergehen ihrer Anwender  in den Mittelpunkt stellen und weniger danach streben Anwender von ihren Produkten abhängig zu machen.

„Algorithms need to be more meritocrativ, less mobocrativ.“

Er verweist auf eine Entwicklung in der Nahrungsindustrie. Dort müssen Unternehmen mittlerweile ihre Kunden mehr auf ihr Nutzungsverhalten und dessen Auswirkungen, z.B. durch Inhaltsangaben, aufmerksam machen … wenn auch nicht ganz freiwillig.

„Transparency is a right not an option!“

Die Algorithmen von sozialen Medien müssen den Anwendern ihr Nutzungsverhalten und dessen Auswirkungen deutlich transparenter machen als heute. Die Nutzer von sozialen Medien müssen darüber hinaus erkennen können, woher Informationen kommen. Vorallem junge Bürger müssen im Rahmen der politischen Bildung Effekte, wie Fake News, kennenlernen und damit umgehen lernen. 

„Fellow technologists, 

Politicians are in existential crisis. Policy makers are thinking of how to control social media. And we all know where that would take us. Self-regulate, before it’s too late. 

Thanks 

@ghonim“

Kategorien: Human Centered Design

Ulf Schubert

Ulf ist Experte für Design Management, User Experience und Design Thinking. Aktuell ist er als Head of UX bei DATEV für die User Experience der DATEV Produkte verantwortlich. Davor hat er mit seiner Agentur openeyes bzw. später bei SirValUse Unternehmen, wie z.B. eBay, Microsoft, OTTO, Axel Springer und MINI, zu User Experience, Innovation und Design beraten. Er engagiert sich über Bitkom und German UPA für besseres Digital Design in Deutschland. Er teilt seine Erfahrungen über Vorträge auf Konferenzen und Trainings. Er ist einer der Gründer und Organisatoren des UX Stammtisch Franken.